Christus und die Samariterin

Christus, der Herr, sitzt müde am Brunnen und bittet eine Samariterin um Wasser. In dieser demütigen Herablassung beginnt Sein Weg, die Seele zur Wahrheit und zum lebendigen Wasser zu führen.

Die Müdigkeit des Herrn

Der Herr setzte sich nieder, weil Er müde war. Stelle dir vor: der Herr ist müde wie jemand unter uns! Er, der Sohn Gottes, Gott selbst, arbeitet so hart, dass Er Sich geradezu hinsinken lässt, ganz erschöpft! Der Gedanke, dass Gott müde wird, verträgt sich beinahe nicht mit Gott.

Wenn wir Menschen müde sind, neigen wir gern zu Gereiztheit und Ungeduld. Wir möchten jedenfalls nicht von Besuch belästigt werden. Wir wollen unsre Ruhe haben. Doch

„kommt eine Frau daher, um Wasser zu holen“.

Jesus sieht, dass eine Arbeit im Dienst des Vaters winkt, und bittet sie um einen Trunk. Sie ist überrascht:

„Ein Jude! Und du redest mit mir, einer Samariterin!“

„Wenn du wüsstest, wer zu dir sagt: Gib mir zu trinken!“,

entgegnet Er. – Gott, der alle Geschöpfe im Dasein hält und trägt, sollte diese Frau um einen Trunk Wasser bitten!

Die Demut Christi

Was für ein herrliches Licht wirft Sein Verhalten in diesem Augenblick auf Seine Art, mit uns umzugehen! Er sagt nicht:

„Ich weiß, dass du heuchelst: du bist eine Frau von schlechtem Ruf!“

Wie viel Ehre tut Er ihr an! Wie gelassen und demütig bittet Er sie um einen Trunk! – So bittet Er dich und mich um irgendeine Kleinigkeit, z. B. um die Überwindung, eine kleine Aufregung niederzuringen oder eine geringfügige Lieblosigkeit zu unterlassen.

Christus behandelt die Samariterin mit großer Achtung. Vielleicht gehörst du zu den besseren Ständen und findest es nicht nötig, so eine Person mit jener Höflichkeit und Güte zu behandeln, die du sonst jemand entgegenbringst.

Sanftmut gegenüber den Menschen

Sieh einmal dein Verhalten auf dem Hintergrund Seiner Menschenfreundlichkeit! Er beginnt scheu und schüchtern. Wäre es nicht besser, wir wären sanfter gegen Leute wie die Samariterin? Oder handeln wir etwa besser als Er? Und zwar gerade in dem Augenblick, da Er so müde war?

Warum versuchen wir nicht, statt viel zu lesen, Christus nachzuahmen, indem wir das Nächstliegende tun? Wie steht es mit der Demut, der Sanftmut? Christus war sehr durstig, Seine Kehle ausgetrocknet. Er war müde. Dennoch vergaß Er all das im Gedanken an ihre Seele … Und schau, mit welchem Zartsinn Er sie zur Erkenntnis führt, wer Er ist!

Anbetung in der Wahrheit

Wenn wir Gott in der Wahrheit anbeteten, müssten wir uns darüber wundern, dass Gott uns vor der Todsünde bewahrt und uns überhaupt in Seine Gegenwart zulässt.

Ohne Zweifel meinen wir alle, wir seien sehr wahrhaft. Sind wir es denn? Die Samariterin heuchelte nicht überlegt und planmäßig … Ich bete Gott in der Wahrheit an, meiner Treu! Ich schlage an meine Brust und sage, was für ein armer Sünder ich bin! Doch behandelt mich jemand mit ein bisschen zu wenig Achtung, aber dann!! – Ich gerate in helle Wut … Warum bin ich denn so wenig folgerichtig?

Spräche ich zu Gott:

„Du siehst, was für ein erbauliches Mitglied der Gemeinde ich bin. Du solltest mir wirklich alles geben, um was ich bitte“,

so wäre dies wenigstens folgerichtig. Doch ich beteure Gott stets, wie viel schlechter ich bin als irgendein anderer, und will jedoch in den Augen der Welt als der Makellose gelten! Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand?

Demut, Wahrhaftigkeit und lebendiges Wasser

Wenn wir Gott im Geist und in der Wahrheit anbeteten, so brächte uns die Übung der Demut, Wahrhaftigkeit und Sanftmut im Kreis der Menschen, mit denen wir leben, bald Ihm näher. Greifen wir dies mutig auf! Er möchte uns Sich selbst schenken. Öffnen wir weit die Tore unsres Herzens!

Wenn wir nach Demut und Wahrhaftigkeit streben, wird Er uns Sich selbst offenbaren und uns das lebendige Wasser geben, den

„Quell, der hinübersprudelt ins ewige Leben“ – (Joh. 4, 14).

Quelle: Frohes Hoffen auf Gott – P. Daniel Considine S. J., 1939

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