Die botanischen Arbeiten
Der Laienbruder Georg Josef Kamel hat heute in der Apotheke, der er zugeteilt ist, nicht viel zu tun und so hat er wieder Zeit, seiner Lieblingsbeschäftigung, der Botanik, nachzugehen. Er nimmt aus der Lade die Blumen heraus, die er sich aus der Umgebung Wiens geholt hat und beginnt sie zu untersuchen. Ja, die Botanik ist seine alte Liebe geblieben; nirgends kann man so in die Wunderwerke der Natur Einsicht nehmen wie bei ihr. Seit Jahren versucht er, eine vollständige Sammlung der Pflanzen seiner näheren Heimat anzulegen; aber immer wieder werden ihm neue Arten gebracht. Wie vielfältig und wie ungeheuerlich verschieden ist die Natur. Mit vorsichtigen Schnitten beginnt er die Pflanze zu zerlegen.
Das ist seine liebste Arbeit seit damals, als er noch in der Gewürzkrämerei seines Vaters war. Wie lange ist das schon her? Ja, es war ein harter Weg, ein hartes Ringen mit dem Vater, der den Wunsch des Sohnes unter keinen Umständen erfüllen wollte. Auch die Bitten der Mutter nützten nichts. Der Sohn war stärker geblieben. Er ist in das Jesuitenkollegium eingetreten und so der Laienbruder Camelius geworden. Aber der Vater gab die Hoffnung nicht auf. Georg Josef hatte die höhere Weihe nicht empfangen, er ist Laienbruder und so konnte er vielleicht doch noch nach Hause zurückkehren. Aber das sollte nie sein. Der junge Camelius war viel zu sehr durchdrungen von seinem Ziel, als dass er noch einmal in den für ihn öden Laden zurückkehren wollte.
Der Ruf des Superiors
„Bruder Camelius!“, hört er plötzlich eine Stimme, die ihn aus seinen Gedanken reißt. Er dreht sich um. Pater Gregorius, der Leiter der Apotheke, steht neben ihm. „Du arbeitest wieder an deinem Herbarium?“
„Ja, Pater Gregorius. Meine Arbeiten habe ich getan.“
„Ich tadle dich deswegen nicht“, sagt der alte Mann. „Im Gegenteil. Was du hier machst, ist heilsam und wichtig, denn du lehrst uns, die heilsamen Kräuter richtig erkennen und verstehen. Aber du wirst jetzt deine Arbeit unterbrechen müssen. Der Pater Superior hat nach dir verlangt.“
Georg Josef ist erstaunt. Der Superior hat noch nie nach ihm verlangt, seit er im Kollegium ist. Was wird er wollen? Er schiebt seine Arbeit in die Lade und geht.
Der Superior sitzt vor den aufgeschlagenen Blättern eines Buches, als Georg Josef bei ihm eintritt.
„Da bist du ja!“, sagt er und ordnet die Blätter. Georg Josef erkennt, dass es sein Herbarium ist. „Und setz dich, Bruder Camelius. Wir haben einiges miteinander zu sprechen.“
Camelius setzt sich nieder und sieht erwartungsvoll auf den Superior, der ihn mit abschätzenden Blicken mustert. Es dauert eine ganze Weile, bis er zu sprechen beginnt.
„Ich weiß nicht, ob du gesehen hast, Bruder Camelius, dass ich gerade dein Herbarium bei mir habe. Ich sehe es in den wenigen freien Stunden gerne an. Du verstehst es ganz vorzüglich, die Pflanzen zu pressen und deine Beschreibungen sind ausgezeichnet und lebendig.“
„Ich mache dies seit meiner Kindheit, Pater Superior.“
„Ja, man sieht darin die große Liebe. Pater Gregorius hat mir auch gesagt, dass er sehr zufrieden ist mit dir. Er möchte dich gerne bei sich behalten und dich später als seinen Nachfolger sehen.“ Der Superior hält einen Augenblick inne und bemerkt den Schatten auf dem Gesicht des jungen Laienbruders. „Ich habe dich deshalb rufen lassen, Bruder Camelius. Ich will dich näher kennenlernen und von dir hören, was dir auf dem Herzen liegt. Nur musst du ganz ehrlich sein. Würdest du das Amt gerne übernehmen?“
„Nein, Pater Superior!“, sagt Georg Josef fest.
„Und warum nicht?“
Der Wunsch nach der Mission
„Ehrwürdigster Vater, das ist eine lange Geschichte. Seit meiner Kindheit habe ich den Wunsch, die Ferne kennenzulernen und den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen. Ich habe im Hause meines Vaters viel von fremden Ländern gehört, vor allem von Indien, das mich so stark anzieht. Aber auch davon, dass dort, wo unseres Schöpfers Füllhorn am überschwänglichsten ausgestreut liegt, der Schöpfer nicht erkannt wird. Und so fasste ich den Entschluss, Missionar zu werden. Bis heute hat sich das nicht geändert. Im Gegenteil. Ich hoffe von Tag zu Tag, diesem Ziele näher zu kommen.“
Der Superior sieht den jungen Laienbruder an. Er ist keine zwanzig Jahre alt, aber groß und kräftig und sein Streben ehrlich. Solche Männer braucht er, solche Männer sind gesucht als Missionare, hier kann ein anderer seinen Posten ausfüllen, dort vielleicht nicht. In die fernen Erdteile gehören Menschen, die den Mut und die Überzeugung haben; aber auch die Kraft, den bekannten Gefahren dort zu begegnen. Er freut sich darüber, dass diese Wünsche so gegenseitig sind und langsam sagt er:
„Du bist deinem Ziele nahe, Bruder Camelius. Du wirst uns verlassen.“
Georg Josef schießt das Blut ins Gesicht. Ist es möglich? Endlich!
„Ich soll eine Missionstätigkeit ausüben?“, fragt er atemlos.
„Ja“, antwortet der Superior, „und sehr weit von uns fortgehen. Weiter als du gehofft hast. Nicht nach Indien, Bruder Camelius, viel weiter.“
„Noch weiter? Wohin, Pater Superior?“
Der Auftrag für Manila
„Auf den spanischen Besitzungen, den Philippinen, wird im Kollegium zu Manila, der Hauptstadt der Insel Luzon, ein Apotheker gebraucht; ein Apotheker, der auch Krankenwärter sein soll.“
Im Geist lässt Georg Josef die Landkarte vorbeifliegen: Afrika, Indien, Indonesien und dann die Inseln, die Philippinen. Magalhaes, der sie entdeckt hat, hat dort durch die wilden Eingeborenen den Tod gefunden. Von seiner großen Weltreise war er nicht mehr zurückgekehrt, Lazarusinseln hat er sie genannt; aber später waren sie nach dem spanischen Kronprinzen Philipp in Philippinen umbenannt worden.
Der Superior deutet die Stille anders und sagt:
„Ich weiß, Bruder Camelius, es ist weit. Die Hälfte der Erdkugel liegt zwischen hier und dort. Es gilt da zu überlegen. Auch viel Arbeit wartet dort auf dich; aber du wärest mit deinem Wissen und deiner Geschicklichkeit auf dem richtigen Platz. Du könntest auch viel Neues sehen und erforschen, denn noch war kein bedeutender Forscher dort und keiner ist bis jetzt in diese Inselwelt eingedrungen. Du könntest auch die Gottesehre dort weitertragen. Nur noch eines: Wenn du dort hingehst, dann ist es vielleicht für immer. Du würdest Wien vielleicht nie mehr sehen oder könntest gesundheitlich den Anforderungen nicht gewachsen sein. Wer kann das wissen? Ich habe dich rufen lassen, um das alles mit dir zu besprechen und dir Zeit zu geben. Überlege gut und dann entscheide dich erst.“
Georg Josef ist aufgestanden.
„Für mich gibt es keine Überlegung. Ich gehe nach Manila.“
Lächelnd reicht ihm der Superior die Hand.
„Ich wusste, dass du nicht nein sagen würdest. Möge der Herr dich schützen auf deinem weiteren Weg.“
Kurze Zeit später begibt sich Bruder Camelius auf die große Reise.
Quelle: Camelius – K. G. Meise