9) Religiöse Kino-Vorstellungen.
Entstehung und Ausbreitung des Kinematographen
Eine hervorragende Erfindung des menschlichen Geistes ist der Kinematograph (Lichtbilder-Apparat); er überträgt die Bewegung lebender oder lebloser Dinge auf irgend eine Fläche. In jeder Sekunde führt er uns rasch hintereinander etwa 16 verschiedene Bilder (die im Apparat nur eine Größe von etwa 24 × 18 Millimeter haben) vor, die in uns den Eindruck erwecken, als sehen wir immer das nämliche Bild. In 1 Minute laufen über 18 Meter Film durch den Apparat. Da 1 Meter Film über 50 Einzelbildchen enthält, so sieht unser Auge in 1 Minute nahezu 1.000 verschiedene Bilder. In 1 Stunde laufen über 18 mal 60 = 1080 Meter, also mehr als 1 Kilometer Film durch den Apparat. Das Auge sieht somit in 1 Stunde über 50.000 Einzelbilder. – Der Kinematograph entstand vor dem Jahre 1900 und fand eine fabelhaft schnelle Ausbreitung. 1896 erschienen die ersten kinematographischen Apparate der französischen Brüder Lumière und dann das Patent Edison.
Im Jahre 1900 waren in Deutschland 2 kinematographische Theater zu Hamburg und in Würzburg. Da der Zulauf zu diesen Theatern sehr groß war, entstanden bald viele „Kino“ und zahlreiche Filmfabriken, die täglich bis 80.000 Meter Film erzeugten. (1 Meter kostete gewöhnlich 1 Mark und auch mehr.) Die Herstellung eines einzigen Films ist oft sehr teuer; er kostete in einzelnen Fällen bis eine halbe Million Mark. Daher pflegen die Besitzer der Kino, die Films untereinander auszutauschen. Heute gibt es fast in jeder Stadt schon wenigstens ein Kino und in jeder Großstadt mehrere hundert, die alle stark besucht werden. Daraus kann man entnehmen, welch ungeheuren Nutzen oder Schaden das Kino im Volke anrichten kann. Man kann das Kino heute ganz gut die 8. Großmacht nennen.
I) Das Kino könnte sehr viel zur Bildung und Veredlung des Volkes beitragen; leider aber machen die meisten Kino-Theater das Volk zumeist nur mit Gemeinheiten vertraut und zerstören daher die Sittlichkeit des Volkes.
Möglichkeiten zur Volksbildung
Das Kino, dieses moderne Bilderbuch, könnte in wissenschaftlicher Hinsicht dem Volke großen Nutzen bringen. Es könnte belehren in der Geographie, indem es die verschiedenen Völker der Erde und die Naturschönheiten der verschiedenen Länder, wie Städte, Berge, Seen, auch das große Meer in allen seinen Erscheinungsformen, die großen Urwälder und Wüsten vor Augen führt; in der Naturgeschichte, indem es uns die Tiere in ihrem Leben und Treiben und die Pflanzenwelt mit allen ihren Eigenarten zeigt; in der Geschichte, indem es wichtige geschichtliche Begebenheiten in theatralischer Art möglichst naturgetreu vorführt; in der Astronomie, indem es uns die Himmelskörper in der durch die großen Fernrohre erzielten Vergrößerung zeigt; in der Medizin, indem es uns die durch die Röntgenstrahlen und gleichzeitig durch das Mikroskop festgehaltenen Bewegungen des Herzens, des Magens, der Muskeln usw. oder die verschiedenen Krankheitserreger im Blute und die Heilmethoden zeigt; in der Industrie und Landwirtschaft, indem die verschiedenen Arbeiten in den Fabriken und die Verwendung der modernen Maschinen und Geräte gezeigt werden; usw.
Auch die Regeln des Anstandes könnten den Leuten beigebracht werden, indem zuerst eine Familie (bei Tisch, im Gasthaus, auf der Straße, auf der Eisenbahn u. dgl.) gezeigt wird, die sich unerzogen beträgt, und gleich darauf eine andere Familie, die wohl erzogen ist und sich tadellos verhält. Das Kino könnte also in ausgezeichneter Weise zur Volksbildung und Volksveredlung beitragen.
Der verderbliche Einfluß des Kinos
Leider ist das aber selten der Fall. Das Kino ist zumeist zu einem Verführer der Jugend und der Erwachsenen geworden. Was von Gott und vom weltlichen Strafgesetz zu tun verboten ist, das wird hier im Bilde gezeigt. Das Volk wird gleichsam belehrt, wie schlechte Taten auszuführen seien. Das Kino steckt also an wie die Pest und impft täglich Millionen Menschen geistiges Gift ein.
60 Prozent aller Films zeigen Morde, Selbstmorde, Verführungen, Ehebrüche (die sog. Kino-Tragödie); 25 Prozent zeigen Diebe, Räuber, Dirnen, Trunkenbolde, Giftmischer, Brandstifter, Wahnsinnige (das Kino-Drama). Einzelne stellen „Kinderstreiche“ dar; es wird ein Kind vorgeführt, das alles zerschlägt, jedermann zum Narren hält, keinen Menschen in Ruhe läßt, sogar die Eltern verhöhnt und die tollsten Streiche aufführt. Eine solche Kinohumoreske kann für zuschauende Kinder geradezu verhängnisvoll werden.
Viele Gerichtsverhandlungen haben bereits den Beweis von der moralischen Schädlichkeit des Kinos erbracht. Da nämlich das Kino gewaltig auf das Gefühl einwirkt, begeistert es zur Nachahmung. Nach dem Urteil der Ärzte wirken die Kino-Bilder im Dunkelraum bei völliger Ablenkung von der Außenwelt hypnotisch und besitzen Suggestiv-Wirkung. Schon viele unbescholtene Personen sind durch das Kino auf Abwege geraten. Die Ärzte schreiben dem Kino auch die Schuld an der Zunahme der Geschlechtskrankheiten und an der Zerrüttung der Ehen zu. Der Umstand, daß sich ganze Volksmassen zu sittlich anstößigen Vorstellungen drängen, also daran Gefallen finden, ist ein Beweis von der ästhetischen Geschmacksverirrung der modernen Menschheit.
II) Heutzutage verrichtet daher ein sehr verdienstliches Werk, wer durch gute Kino-Vorstellungen den verderblichen Einflüssen der sittenlosen Kino-Theater entgegenzuwirken sucht.
Gute Kino-Vorstellungen als Gegenmittel
Mit Jammern und Warnen vor dem Kino wird wenig oder gar nichts ausgerichtet. Hier gilt der Grundsatz des Windthorst:
„Wenn mir die Lokomotive eines Schnellzuges entgegenkommt, werfe ich mich ihr nicht entgegen, um sie aufzuhalten, was ich doch nicht vermag, sondern ich springe darauf und fahre mit.“
Am besten handelt also derjenige, der einen Kino-Apparat anschafft oder einen solchen samt den Films ausleiht und unter Berücksichtigung der gesetzlichen Vorschriften den Vereinsmitgliedern oder der Schuljugend Lichtbilder vorführt, die veredelnd wirken und zur Hebung der Religiosität, der Sittlichkeit und des Patriotismus beitragen. Daß sich einer solchen Unternehmung Feinde entgegenstellen werden, ist selbstverständlich; doch ohne Hindernisse hat noch niemand ein edles Werk verrichtet. Schon so manche Seelsorger und kathol. Vereine haben sich in den Besitz eines Kino gesetzt und wirken damit in großartiger Weise zur Hebung der Volksbildung und zur Veredlung des Volkes.
Religiöse Verwendung der Lichtbilder
– Durch Lichtbilder kann man z. B. die Tätigkeit der Missionäre in den Heidenländern zeigen und dadurch Begeisterung für die Heidenmissionen erwecken. Durch Lichtbilder aus der Diaspora zeige man die kirchliche Not daselbst; man zeige zunächst die einfache Scheune oder die Stube, die den Katholiken das Gotteshaus ersetzen muß, und dann führe man die herrlichen Domkirchen vor. Dadurch kann man die Gläubigen mehr zur Wohltätigkeit anregen, als durch die schönste Predigt. (In der Paderborner Diözese bereits mit großem Erfolge versucht.)
Man kann die hl. Orte von Palästina zeigen. Auch das Leben und Leiden Jesu wurde schon oft zu großer Erbauung der Zuschauer in Lichtbildern vorgeführt. Doch ist darauf zu achten, daß die Bilder nicht eilends vorüberziehen (also heilige Personen nicht im Laufschritt oder nervöser Hast auftreten), damit die Beschauer nicht etwa mehr zum Lachen als zu weihevoller Stimmung angeregt werden.
Kinematographische Vorstellungen in Kirchen
– Seit 1913 wurden von den Bischöfen mit Erlaubnis des hl. Stuhles hie und da kinematographische Vorstellungen auch in Kirchen gestattet. Doch mußte zuvor das Allerheiligste aus der Kirche entfernt werden; Männer und Frauen mußten getrennt der Vorführung beiwohnen; die Kirche mußte bis zum Beginn der Vorstellung erleuchtet sein, und der Seelsorger mußte anwesend sein und die Aufsicht führen.
Quelle: Katholischer Volkskatechismus – Franz Spirago – 1927