Das Leuchten der Reinheit

Reinheit ist mehr als bloßes Meiden der Sünde. P. Igo Mayr S. J. führt hin zu ihrem tieferen Wesen als einer Tugend, in der die Kräfte der Jugend bewahrt werden für jene Aufgabe, die Gott dem Menschen zugedacht hat …

Als Katechet hab ich einmal die Kinder in der Schule gefragt:

„Warum hat Gott den Engel wohl gerade zur Muttergottes nach Nazareth gschickt, warum nicht zur Kaiserin nach Rom oder nach Athen oder in die große Stadt Jerusalem?“

Frisch und hell antwortete mir ein kleiner Knirps:

„Weil sie gar keinen Flecken auf ihrem weißen Kleid gehabt hat.“

Das war fein gedacht und lieb gesagt. Ja, die Reinheit muss etwas wunderbar Leuchtendes an sich haben, dass sie selbst Gottes Augen auf sich zieht! Und geht’s uns nicht in natürlichen Dingen ähnlich? Warum ergreift uns die weiße Schneelandschaft des Hochgebirgs so eigenartig, mehr als alle Farbenbuntheit des Tales? Warum sehen wir die Braut am liebsten im duftenden Weiß des Schleiers, warum kleidet sie sich nicht in Gold und Purpur und alle Farben der Rose? Selbst die Heilige Schrift schildert uns die Auserwählten, wie sie

„vor dem Throne des Lammes stehen, mit weißen Kleidern angetan und Palmen in ihren Händen“.

(Offenb. 7, 9.) Und wo sie den Heiland in seiner Verklärung auf dem Tabor beschreibt, da sagt sie:

„Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und sein Gewand war weiß wie der Schnee, so weiß wie der heilige Markus hinzufügt, dass kein Walker auf Erden besser bleichen kann.“

(Mk. 9, 3.) Es muss in der Reinheit mehr liegen als bloß das: Nicht–schmutzig – Sein, es muss in ihr ein verborgenes Leuchten und Glänzen, ein Ausstrahlen von innerer Schönheit und innerem Reichtum sein! Das meinen wir doch auch, wenn wir von einem jungen Menschen mit Ehrfurcht sagen: ein reiner Mensch.

„Vor einer reinen Braut“, so heißt ein deutsches Sprichwort, „neigt sich der Kirchturm.“

Und das Mittelalter weiß uns in der Sage vom Armen Heinrich zu berichten, dass das Herzblut eines reinen Mädchens selbst die grausige „Miselsucht“, den Aussatz, reinwaschen könne.

Was Reinheit nicht ist

Was meinen wir denn eigentlich, wenn wir von dieser Reinheit sprechen ? Fragen wir zuerst, was wir nicht meinen mit dem Worte Reinheit. Wir meinen nicht: das bloße Nicht-Sündigen. Das bloße Nicht-sündigen ist ja noch nicht Tugend und Heiligkeit, sonst wären wir alle die ausgemachten Heiligen, solange wir schlafen, denn da sündigen wir nicht.

Wir meinen auch nicht das bloße Nicht-Wissen von den geschlechtlichen Dingen. Wir sprechen oft von der „Unschuld“ des Kindes und meinen damit seine vollständige Unwissenheit und Unbekümmertheit um das Geschlechtliche. Wir können das vielleicht einen glücklichen Zustand nennen für das Kind, aber Unwissenheit allein ist noch nicht Tugend. Ähnlich sprechen wir wohl von der Reinheit der Engel und bringen damit ihre gänzliche Unberührtheit von allem Leiblichen, ihre reine Geistigkeit zum Ausdruck, aber von einer Tugend der Reinheit in unserem Sinn können wir bei den Engeln nicht reden.

Reinheit ist auch nicht das, als was unsere Gegner sie so oft ausgeben: Verachtung des Körpers oder Angst vor ihm, Verneinung des Lebens und der Natur, vollständiger Verzicht auf Freude und Liebe. Mancher junge Mensch, besonders manches junge Mädchen, ist durch diese Schlagworte schon irre geworden an der Reinheit, hat die Freude am Reinsein verloren. Denn, nicht wahr, wir wollen doch auch gesunde, natürliche Menschen sein, wollen uns freuen dürfen an der Gottesgabe eines gesunden, schönen Körpers; wir wollen Ja sagen zur Natur und zum Leben und wir wollen vor allem nicht verzichten auf Freude und Liebe. Aber, Gott sei Dank, diese Schlagworte der Gegner treffen ja nicht die Reinheit, wie wir sie meinen.

Reinheit ist auch nicht das, was wir uns als Schulkinder unter ihr vorgestellt haben. Was wussten wir als Kinder von der Reinheit? Vielleicht bloß, dass es Dinge gibt, die man nicht anrühren oder anschauen, von denen man nicht reden, ja an die man nicht einmal denken darf! Oder, wie es ein kleiner Bub einmal ausgedrückt hat:

„Kopf, Füß und Händ – alles andere ist a Sünd!“

Leider gibt es nicht wenige Erwachsene, die von der Reinheit auch kaum mehr wissen als den meist ganz falsch verstandenen Satz, dass „da alles schwere Sünde sei“. Ein vollständig negativer, blutleerer Begriff von Reinheit! Dass sich denkende Menschen für ein solches Zerrbild von Tugend nicht erwärmen können, das ist klar. Dass besonders jungen Menschen diese Art von Reinheit nichts zu sagen weiß, das verstehen wir.

Aber nein, das alles ist ja nicht die Reinheit, die wir meinen, die Reinheit, für die noch immer edle Menschen sich begeistert haben, um die auch heute noch manches Mädchen mit Heldenmut ringt und kämpft.

Was ist denn die Reinheit?

Wohlgemerkt, wir wollen jetzt nicht von der Reinheit der Gattin und Mutter sprechen, die in Treue und sorgender Liebe die Pflichten der Ehe erfüllt, auch nicht von der Reinheit, wie sie die Braut Christi, sei es im Kloster, sei es in der Welt, zu üben hat, wir reden von der jugendlichen Reinheit, von der Reinheit des Mädchens. Wir wollen sie mit einem Satz beschreiben, dessen Glieder wir uns dann einzeln überdenken werden.

Die jugendliche Reinheit ist:
Das bewusste, sorgliche, freudige Sparen der körperlich-seelischen Jugendkraft bis zu ihrem vollen Einsatz im gottgewollten Beruf.

Quelle: Rein sein und reif werden – P. Igo Mayr S. J. – 1947

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