Grenzen und Trost im geistlichen Leben
Wir dürfen von der Devotionsbeichte, auch der häufigsten und eifrigsten, nicht erwarten, dass sie uns vor jedem Rückfall in die gebeichteten Sünden bewahren, dass sie uns in einen Zustand von Sündelosigkeit versetzen werde. Sündelosigkeit auf Erden gibt es für uns nicht. Auch die Heiligen, von der reinsten Gottesmutter abgesehen, haben es nicht fertiggebracht, alle Fehler zu meiden, trotz häufiger und ernstester Beichte. Aber schön tröstete der Heiland die heilige Gertrud, als sie von ihm verlangte, er möchte einen gewissen Fehler gänzlich in ihr austilgen:
Aber warum wünschest du, dass ich jener Ehre und du einer Belohnung beraubt werdest, die du gewinnst so oft du bei Erkenntnis dieses oder eines ähnlichen Fehlers dir vornimmst, dich künftig zu hüten? Denn so oft jemand sich bemüht, aus Liebe zu mir seine Fehler zu bekämpfen, erweist er mir soviel Ehre und Treue, wie seinem Herrn der Soldat, der im Kriege dem Feinde sich entgegenstellt und alle mit starker Hand niederwirft.
(Gesandter der göttl. Liebe, 3. Buch, 54).
Die wirkliche Frucht der häufigen Beichte
Anderseits darf man auch nicht allzu wenig von der häufigen und bußfertigen Devotionsbeichte erwarten. Die häufige Devotionsbeichte wird uns gewiss vor zahlreichen Fehltritten bewahren, in die wir ohne dieselben gefallen wären. Es wird gewiss eine Besserung eintreten, wenigstens in dem Sinne, dass wir besser sein werden, indem wir beichten, als wenn wir nicht beichteten. Denn man kann doch nicht annehmen, dass der Kampf des durch Gnade gestärkten Willens mit der verkehrten Neigung des Herzens, der auf die häufige Beichte folgen muss, stets und ständig mit einer Niederlage des guten Willens enden muss. Die häufige und mit Bußeifer empfangene Sakramentsgnade wird also wirklich eine Verminderung unserer Vergehen zur Frucht haben: wir werden seltener und weniger schwer mit der Devotionsbeichte als ohne dieselbe fehlen.
Scheinbarer Rückschritt und wirklicher Fortschritt
Diese Verhinderung vieler Fehler wird nicht unter allen Umständen gleichbedeutend sein mit einer absoluten Verminderung der Zahl unserer Fehler, in dem Sinne, dass wir jetzt seltener fehlen als früher. Unsere Sorgfalt im übernatürlichen Wandel wird zunehmen. Aber Zunahme und Abnahme der Zahl unserer Vergehen hängt nicht allein von dem Wachstum unserer Sorgfalt ab, sondern auch von vielen andern Umständen. Und da kann es geschehen dass, weil unsere Neigungen heftiger geworden sind, oder weil unsere Umgebung uns stärker zu Fehltritten reizt, die Zahl unserer Übertretungen sich gemehrt hat, obgleich unser sittliches Streben ernster geworden ist. Wer erst mit liebenswürdigen Menschen zusammen gelebt hat, später aber in eine ihm widerwärtige Gesellschaft geriet, mag nicht gerade eine Abnahme seiner Fehler gegen die Nächstenliebe feststellen, trotzdem er jetzt ernstlicher mit sich ringt als früher. Unter scheinbarem Rückschritt birgt sich hier wirklicher Fortschritt. Auch muss man im Auge behalten, dass die Zunahme unserer Fehler nach langem, andächtigem Gebrauch des Bußsakramentes oft nichts anderes ist, als die zunehmende Schärfe unserer Erkenntnis, die da Fehler entdeckt, wo sie früher keine sah, obgleich früher deren viel mehr und viel handgreiflichere da waren als jetzt.
Das Wachstum in der Tugend
Indessen werden sich die Umstände, unter denen sich der Kampf unseres Willens mit der Gefahr des Rückfalls abspielt, nicht immer verschlimmern. Und so wird es denn doch dazu kommen, dass sich die große Zahl unserer Fehler langsam vermindert, dass wir die eine oder andere schlechte Gewohnheit ablegen, dass wir treuer sein werden in unserer Pflichterfüllung und dass wir die Neigungen unseres Herzens sorgsamer beherrschen werden. Keine Grenze sei diesem Fortschritt gesetzt. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden. Freuen wir uns dann, wenn am Anfange unserer Bekehrung – der Ausdruck stammt von der Nachfolge Christi her – das Übermaß unserer Nachlässigkeiten und Übertretungen rasch abnimmt. Wundern wir uns aber auch nicht, wenn die Zähigkeit der bleibenden Fehler in gleichem Maße zunimmt, als ihre Zahl im Abnehmen ist. Denn unserer Kraft ist eine Schranke gesetzt und die Gnade Gottes wird uns immer soviel Schwachheit belassen, dass die Tugend Anlass zur Verdemütigung genug findet. Die Nachfolge Christi spricht einmal den Gedanken aus, wenn wir jedes Jahr nur einen Fehler ablegen würden, dann würden wir es in der Vollkommenheit bald weit bringen. Ob der fromme Thomas a Kempis wohl die ganze Tragweite dieses Satzes ermessen hat: „Wenn wir jedes Jahr einen Fehler ablegten.“ Ich aber bin der Ansicht, dass derjenige schon sehr Großes geleistet hat, der in seinem ganzen Leben wenigstens einen von seinen Fehlern vollkommen niedergerungen hat. Diesen herrlichen Ertrag unseres Lebens, die häufige und mit bußeifrigem Ernste abgelegte Devotionsbeichte kann in Verbindung mit der öfteren Kommunion ihn uns erringen.
Maßstab für die Fruchtbarkeit der Beichte
Es ist nicht schwer zu beurteilen, ob die häufige Beichte bei einer Seele mehr oder weniger Früchte bringt. Dagegen soll man sehr vorsichtig sein, wenn man in einem bestimmten Falle von gänzlicher Unfruchtbarkeit der Beichte spricht.
Man kann nicht von unfruchtbaren Beichten sprechen bei einer Seele, die sich redlich bemüht, auf der ganzen Linie mit Sorgfalt und Bedacht zu wandeln, obgleich sie noch in vielen Dingen strauchelt. Man kann nicht von unfruchtbaren Beichten sprechen bei einer Seele, die zwar häufig in die gebeichteten Fehler zurückfällt, aber doch ernstlich gegen das Übel ankämpft. Man kann nicht von unfruchtbaren Beichten sprechen bei einer Seele, die den gebeichteten Fehler zwar häufig wieder begeht, aber über ihre Rückfälle eine steigende Trauer empfindet. Man kann nicht von unfruchtbaren Beichten sprechen bei einer Seele, die zwar keine Fortschritte in der Selbsterziehung macht, aber inmitten vieler und schwerer Versuchungen sich vor der Todsünde bewahrt. Selbst da soll man nicht leicht von unfruchtbaren Beichten sprechen, wo die Zahl der lässlichen Sünden ständig eine recht erhebliche bleibt, vielleicht sogar eine Steigerung aufweist, solange nicht feststeht, dass diese Verschlimmerung auf wachsende Selbstvernachlässigung zurückzuführen ist.
Warnung vor wirklicher Unfruchtbarkeit
Dagegen liegt die Gefahr, dass es sich um wirkliche Unfruchtbarkeit handelt, nahe, wenn es trotz jahrelangen häufigen Beichtens nie zu einem ernsten Bemühen zur Vermeidung der gebeichteten Sünden gekommen ist, wenn die steigende Zahl der Fehler auf die zunehmende Vernachlässigung des Innern zurückzuführen ist, wenn der einzige Erfolg der vielen Beichten regelmäßig in nichts anderem besteht, als dass man sich höchstens noch ein paar Stunden nach der Beichte in Acht nimmt, um dann wieder der gewohnten Gleichgültigkeit anheimzufallen. Steht es so um eine Seele, dann soll sie sich mit nachdrücklichem Ernste fragen, wie es zu erklären ist, dass sie über ihre Fehler so oft Buße tut und doch ihr Verhalten nicht ändert, dass soviel Reue und Abscheu, wie sie vor der Sünde zu empfinden vorgibt, nicht zu einem Widerstreben gegen die Sünde führt, dass hundertfach erneute Vorsätze, aufrichtige Vorsätze wie sie behauptet, einer wie der andere wirkungslos im Nichts verpuffen! Und wenn sie für diese betrübliche Erscheinung keine andere Erklärung findet als die Oberflächlichkeit ihrer Bußgesinnung, soll sie in sich gehen und ihre Art und Weise, das heilige Bußsakrament zu empfangen, einer gründlichen Änderung unterziehen.
Der hohe Maßstab der Bußtätigkeit
Es soll uns keinesfalls gleichgültig sein, ob wir geringere oder größere Früchte aus unseren Beichten ziehen. Das Wohlgefallen des Heilandes, Gnade, Glück, Erhebung, Sicherheit: alles dies erringen wir in dem Maße als wir unsere Seele von der lässlichen Sünde befreien, als wir die Neigungen unseres Herzens läutern und einzig auf Gott und seine Interessen lenken. Wen sollte der Anblick des Herrlichen, das Christi grenzenlose Herablassung in den Herzen der Heiligen, weil er sie rein und bereit fand, gewirkt hat, nicht mit glühender Sehnsucht nach vollkommener Läuterung erfüllen? Wenn wir demnach beichten gehen, stecken wir die Ziele unserer Bußtätigkeit recht hoch. Man muss wachsen wollen in Christo und zur reifen Form des Mannesalters in Christo gelangen wollen, dann wird die häufige Beichte in Verbindung mit der täglichen Kommunion zu einer Quelle ungeahnten Segens und Glückes für uns werden.
Quelle: Die Devotionsbeichte – P. Ph. Scharsch OMI, 1922