Lesungen und Übungen heiligen nur als Werkzeuge der Gnade

Geistliche Lesung und Übung tragen Frucht, wo sie der Anordnung Gottes dienen; nicht Vielheit und Eifer aus Eigenwillen, sondern die Gnade des gegenwärtigen Augenblicks heiligt die Seele.

LESUNGEN UND ANDERE ÜBUNGEN HEILIGEN UNS NUR INSOFERN, ALS SIE FÜR UNS KANÄLE SIND, DURCH DIE GOTTES WIRKEN UNS ZUSTRÖMT

Unser wahres Wissen liegt darin, die Anordnungen Gottes für den gegenwärtigen Augenblick zu kennen. Jede Lesung, die außer Gottes Anordnung vorgenommen wird, schadet. Gottes Wille und was er anordnet, ist Gnade und wirkt zutiefst in unserm Herzen und das sowohl vermittels unsrer Lesungen wie bei all unserm Tun. Lesungen ohne diese Anordnung sind hohl. Fehlt ihnen die lebenspendende Kraft, die daraus entspringt, vermögen sie das Herz bloß zu leeren, sosehr sie den Geist erfüllen.

Es kann geschehen, dass sich der Wille Gottes durch dies oder jenes Leiden oder eine ganz alltägliche Beschäftigung der Seele einer schlichten, ungebildeten Tochter mitteilt und in ihrem Innern das geheimnisvolle Ergebnis des übernatürlichen Lebens zeitigt. Kein Gedanke, der sie aufblähen könnte, erfüllt dabei ihren Geist. Der hoffärtige Mensch dagegen geht in geistlichen Büchern auf, aber aus bloßer Neugier. Da der Wille Gottes mit seiner Lesung nicht verbunden ist, schöpft sein Geist daraus nur den toten Buchstaben. Der vertrocknet und verhärtet ihn immer mehr.

Die Anordnungen Gottes

Die Anordnungen Gottes, sein göttlicher Wille: sie bilden das geistliche Leben der Seele, gleichgültig in welcher Gestalt die Seele sie aufnimmt oder empfängt.

Wie immer dieser göttliche Wille den Geist anspricht, er nährt die Seele. Unaufhörlich lässt er sie wachsen, indem er ihr das Beste für den Augenblick zuteilt. Nicht dieses oder jenes bringt also segensreiche Wirkungen hervor, sondern was Gott im Augenblick will. Was im verflossenen Moment am besten war, ist es gegenwärtig nicht mehr. Der Wille Gottes fehlt nun. Er erscheint jetzt in anderer Gestalt, nämlich als Pflicht des gegenwärtigen Augenblicks. Und diese Pflicht, in welcher Gestalt immer sie auftritt, bildet das, was die Seele zur Zeit am meisten heiligt.

Die Pflicht des gegenwärtigen Augenblicks

Verpflichtet der göttliche Wille in einem bestimmten Augenblick zu einer Lesung, so entsteht durch diese Lesung im Innern der Seele die Vollkommenheit. Treibt derselbe göttliche Wille dazu an, die Lesung mit der Beschauung zu vertauschen, so ist es diese, die im Herzen den neuen Menschen formt; eine Lesung wäre dann nutzlos, ja nachteilig. Ruft mich der göttliche Wille von der Betrachtung zum Beichthören weg, sei es für noch so lange, so gestaltet die Pflicht Jesus Christus in mir. Die Wonnen der Beschauung könnten ihn dann nur aus meinem Innern vertreiben.

Die Anordnung Gottes macht die Fülle all unserer Augenblicke aus. Sie erscheint unter tausenderlei Gestalten. Eine nach der anderen wird zu unserer gegenwärtigen Pflicht. Jede trägt dazu bei, den neuen Menschen in uns zu der Vollreife zu bringen, die von der göttlichen Weisheit für uns bestimmt wurde. In diesem geheimnisvollen Wachstum des Alters Jesu Christi in unserm Innern liegt das Ergebnis, auf das die Anordnungen Gottes hinzielen. In ihm besteht die Frucht seiner Gnade und göttlichen Güte.

Der heilige Wille als bester Teil

Wir sagten schon, dieses Ergebnis entstehe, wachse und zehre von unseren aufeinanderfolgenden gegenwärtigen Pflichten, die der eine Wille Gottes durchweht. Erfüllen wir diese Pflichten, so sind wir immer sicher, den besten Teil erwählt zu haben. Dieser heilige Wille selber ist der beste Teil. Wir brauchen ihn nur geschehen zu lassen und uns ihm voll Vertrauen blindlings zu überlassen. Er ist grenzenlos weise, grenzenlos mächtig, grenzenlos wohltuend in einer Seele, die ganz und rückhaltlos auf ihn baut, ihn allein liebt und herbeisehnt und die unerschütterlich glaubt und fest überzeugt ist, was Gott jeden Augenblick fügt, sei das Beste. Sie sucht nicht anderswo ein Mehr oder Weniger; sie prüft nicht lange die äußere Verkettung der Anordnungen Gottes; bloße Eigenliebe könnte dies tun.

Kern, Saft und Kraft aller Dinge

Gottes Wille ist Kern, Saft und Kraft aller Dinge. Er richtet sie her und passt sie der Seele an. Ohne ihn ist alles öde und leer, nichtig und eitel, Buchstabe, Schale und Tod. Gottes Wille bildet Heil, Wohlsein und Leben von Leib und Seele, mag der Gegenstand, auf den er sich bezieht, wie immer aussehen.

Wir dürfen also die Dinge nicht darnach bewerten, wie sie sich äußerlich zu Leib oder Seele verhalten. Dieses Verhältnis zählt herzlich wenig. Der Wille Gottes ist es, der jedem Ding ohne Ausnahme die Kraft einflößt, Jesus Christus in unserm Innern zu gestalten. Man soll diesem Willen kein Gesetz aufzwingen und ihm keine Grenzen setzen wollen; denn er ist allmächtig.

Welche Vorstellungen den Geist auch bewegen mögen und was immer den Leib anfällt: den Geist an Zerstreuungen und Ängsten, den Leib an Siechtum und Tod, immerfort bleibt, was Gott im gegenwärtigen Augenblick für uns will, Leben von Leib und Seele. In jeglichem Zustand werden Leib und Seele ausschließlich durch den Willen Gottes aufrechterhalten. Ohne ihn wandelt sich Brot in Gift; mit ihm wird Gift zum Heilmittel. Ohne ihn verblenden Bücher nur. Er verwandelt Finsternis in Licht. Er macht das Ganze, das Gute, das Wahrhaftige in allen Dingen aus. In allem gibt er Gott. Und Gott ist das unendliche Wesen. Der Seele, die ihn besitzt, ersetzt er alles.

Quelle: Hingabe an Gottes Vorsehung – Jean-Pierre de Caussade S. J. – 1948

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