Einfachheit

Einfachheit vor Gott und Menschen: eine Tugend ohne Falsch und Eigennutz, die nicht auf Ansehen sieht, sondern im Vertrauen die Wahrheit sucht und der Seele den Weg zu Gottes Wohlgefallen öffnet.

Die Einfachheit ist die nächste große Tugend, die wir in der Kindheit unseres Herrn studieren sollen. Nicht als ob die Evangelien etwas darüber aussagten, sondern wir kennen sie aus dem ganzen Charakter unseres Herrn und aus dem, was alle Kinder kennzeichnet.

„Einfältig wie ein Kind“ ist eine allgemeine Redensart.

Ein Kind handelt und spricht, als ob alle Menschen gut und vertrauenswürdig wären.

Wesen der Einfachheit

Das Wort „simplicitas“ stammt vielleicht von „sine plica“, das heißt ohne Falte, sodass man alles, was da ist, sehen kann. Die Einfachheit, Einfalt, ist eine überaus edle Tugend – eine Tugend, die Gott ganz besonders eignet. Denn Er ist ohne Falsch und Trug. Er hat bei allem, was Er uns sagt, keine Hintergedanken.

Der Grund, warum ein Mensch nicht einfältig ist, liegt darin, dass er, statt seine ganze Aufmerksamkeit auf das, was er sagt, zu richten, auf alle möglichen Umstände und Folgen schaut.

Die Einfachheit Christi

Betrachtet das Benehmen unseres Herrn im Vergleich mit dem der Pharisäer! Wie einfach, wie unmittelbar ist es! Nie versuchte Er die Menschen auf den Gedanken zu bringen, dass sie keine Schwierigkeiten bekämen, wenn sie Ihm nachfolgten. Im Gegenteil erklärte Er offen:

„Wer Mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich …“ (Mt 16, 24).

Nie machte Er falsche Versprechungen. Nie hofierte Er Personen, die an der Macht waren, wie Er es leicht hätte tun können. Nie klügelte Er alles bis ins Kleinste aus. Nie hatte Er selbstsüchtige Absichten.

Mangel an Einfachheit im Menschen

Wir haben uns die Gewohnheit angeeignet, von den Dingen nicht so zu denken, wie sie vor uns liegen, sondern dazu eine ganze Menge anderer Dinge heranzutragen. Zum Beispiel wollen wir einen Fall so erklären, dass niemand auf den Gedanken kommen kann, wir seien zu tadeln.

Sogar bei der gewöhnlichen Unterhaltung ist es sehr schwer, einen Menschen zu finden, der ganz einfach ist. Jemand, der von den Dingen redet, wie er sie sieht – bei dem ihr spürt, dass er keine Hintergedanken hat, dass er nicht alles bis ins Kleinste ausklügelt. Er spricht nicht, um zu scheinen oder um die Unterhaltung an sich zu reißen, sondern einfach, weil er etwas zu sagen hat. Er kann sich irren. Und wenn er Widerspruch erfährt, ist er nicht gekränkt. Denn er will ja nur die Wahrheit.

Christus der Herr war höchst gerade, höchst einfach, höchst unmittelbar.

Einfachheit vor Gott

Und wenn du einfach bist, kannst du im Verkehr mit Gott alles sagen. Gehe zu Gott und sage Ihm, wie du empfindest, dass du ein schrecklicher Sünder bist! Und Er wird alles für dich tun. Nichts gefällt Gott mehr, als wenn wir ohne Redensarten unsere Sünden eingestehen und Ihm sagen, dass sie uns leidtun.

Der Zöllner betete:

„O Herr, sei mir Sünder gnädig!“

Der verlorene Sohn bekannte:

„Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir.“

Mein erster bescheidener Rat, den ich euch geben möchte, lautet:

„Verlangt nicht danach, dass andere hoch von euch denken! Denn wenn ihr es tut, treibt es euch fast unfehlbar dazu, bei allem auf eueren guten Ruf zu sehen, und ihr verdreht alles, was ihr tut – wollt ihr doch auf alle Fälle „gut abschneiden.“

Keine Seele steht in Gottes Gunst höher als eine einfache Seele.

Gott wörtlich nehmen

Gott selbst meint immer das, was Er sagt. Nehmt zum Beispiel das Wort:

„Suchet zuerst das Reich Gottes!“

oder

„Mein Joch ist sanft und Meine Bürde ist leicht!“

Eine einfache Seele darf sich an Gott wenden und sprechen:

„Herr, Du hast das zwar gesagt. Doch ich finde Dein Joch nicht sanft oder Deine Bürde leicht.“

Gott würde sofort ihren Willen tun. Wir müssen es glauben: die Heiligen sind jene, die Gott buchstäblich nehmen: Sie legen sich selbst ihre Fehler zur Last, ohne den geringsten Versuch, sich zu verteidigen.

Die Meinung der Menschen

Ich sage es noch einmal: legt nicht viel Wert auf die Meinung der anderen! Wie oft ist die Meinung der Menschen falsch! Wie wenig nützt es uns, wenn sie uns günstig ist!

Dennoch finden wir Menschen, die im höchsten Maße darauf bedacht sind, ihren Vorgesetzten zu gefallen, doch nicht etwa, um Gott Freude zu machen – denn das wäre Einfachheit! – sondern um selbstsüchtiger Ziele willen.

Wenig Selbstverteidigung

Verteidigt euch so wenig als möglich! Wie viel kostbare Zeit verschwenden wir damit, um zu beweisen, dass wir tatsächlich wissen, wo Timbuktu liegt! Lasst den Fall ruhig zu euren Ungunsten ausgehen! Das ist ein ausgezeichneter Weg, um Gott näherzukommen.

Es hat keinen Pfifferling zu bedeuten, was andere Leute denken, ausgenommen natürlich dann, wenn ihr in einer Verantwortung steht und andere darin verwickelt sind. Ihr seid in Gottes Hand. Sprecht mit Ihm darüber! Und kein Schaden wird daraus hervorgehen.

Wie schwer ist es, ich sage es euch noch einmal, einen vollkommen einfachen Menschen zu finden! Einen, dem man zutrauen kann, dass er die Wahrheit spricht, oder der, wenn er einen Fehler begeht, sich ohne Widerstreben zurechtweisen lässt und dessen Fehler nicht dem Eigennutz entspringen! Einen, zu dem man in einer Not gehen kann und der keinen Rat erteilt, der nur seinen Zwecken dient oder eine berechnete Schmeichelei ist! Einen, der durch dick und dünn treu ist!

Gott liebt die Wahrheit

Gott hasst die Selbstgerechten. Wenn wir einfach zu Ihm sind, steigen wir in Seinem Wohlgefallen, und Er wird Großes durch uns tun. Ja, wenn Gott eine Seele findet, die für Ihn schafft und kein bisschen für sich selbst einen Vorteil sucht – durch diese Seele wird Gott Großes tun.

Quelle: Gott lieben – Daniel Considine S. J. – 1955

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