Aus dem Kapitel „Vom gütigen Handeln“ folgt hier ein Abschnitt über die alltägliche Macht kleiner gütiger Taten.
… Das ist nicht schwer. Die Gelegenheiten für gütige Taten sind vielfältig. Niemand durchlebt einen Tag ohne solche günstige Gelegenheiten. Sie stellen sich ein, selbst wenn wir krank zu Bett liegen, ja die Hilflosen können reichlich Güte an den Helfern üben. Und dabei geht es, wie mit allem, was mit der Güte zusammenhängt – diese Gelegenheiten sind ebenso leicht auszunützen als sie zahlreich sind.
Unter zwanzig gütigen Handlungen erfordert kaum eine einen Aufwand von Selbstverleugnung. In der Regel sind sie leicht, nur ausnahmsweise schwierig. Wenn die Güte eine Anstrengung verlangt, dann trägt dieses großmütige Opfer seinen Lohn in sich. Wir erhalten mehr, als wir drangeben. Oft haben wir davon äußeren Gewinn – immer aber einen inneren; den kann uns nichts verscherzen. Die Güte hat in aller Großmut etwas weise Haushälterisches.
Das Maß gütiger Handlungen
Ein wenig Güte reicht lange hin. Die Güte wird meistens höher angeschlagen, als sie wert ist; die Menschen schauen nicht auf das, was wir um einer guten Tat willen aufgegeben oder nicht aufgegeben haben; sie schauen nur auf die Güte. Das Wie gilt ihnen mehr als das Was. Die Tatsache des Opfers bedeutet etwas, aber nicht allzu viel. Selbst die Welt schaut bei all ihrem Mangel an Güte die Güte mit einem Vergrößerungs- und Verschönerungsglas an. – Irrt sie sich dabei, so ist es ein glücklicher Irrtum.
Es erinnert uns an den scheinbaren Irrtum Gottes, der einen solchen Wert auf die Nichtigkeiten unserer Liebe legt. Auf alle Fälle gibt dieser kleine Irrtum den gütigen Taten eine wahre Macht und Güte hat eine unverhältnismäßig große Wirkung. Ein gütiges Tun, so gering es sein mag, ist größer als das größte Unrecht. Eine Unze Güte wiegt eine Zentnerlast Unrecht auf. Sie wirkt schnell und wirkt weithin.
Das weite Wirken der Güte
Jede gütige Tat erreicht und verpflichtet einen weiten Kreis. Wird Güte denen erwiesen, die wir lieben, so gilt sie auch uns, und wir lohnen den Guttätern mit Liebe. Güte beschränkt sich nicht auf eine Person, sie wirkt auf viele. In welch schönes Gewebe von Liebe geraten wir, wenn wir Gutes tun! Warum, warum tun wir es nicht öfter?
Die Langlebigkeit gütiger Taten
Eine gütige Tat ist langlebig. Wenn wir sie getan haben, so ist das nur ein Anfang, noch lange nicht das Ganze. Jahrelange Entfremdung kann kaum einer gütigen Tat ihren Duft rauben. Der Hass allerdings ist ein Chemiker, der gütige Handlungen zuzubereiten weiß, dass sie ihm ein Lieblingsgericht werden. Aber schließlich ist der Hass doch etwas Seltenes und Unmenschliches, oder wenigstens etwas verhältnismäßig Seltenes.
Nichts Seltenes ist es aber, dass einer nach einem halben Jahrhundert etwas Gutes tut, weil ihm vor fünfzig Jahren Gutes getan worden ist. Ist es nicht eine Eigenart gütiger Handlungen, dass wir trotz allen Bemühens sie zu vergelten, immer mehr in Schuld zu sein scheinen. Die Verpflichtung nimmt nach allen Dimensionen zu. Wir wollen den Abgrund mit unserer Dankbarkeit ausfüllen, und wir machen ihn noch tiefer, als ob wir Brunnen grüben.
Wir mühen uns noch mehr, der Abgrund wird noch hungriger. Schließlich wird unser Leben, fast zwangsläufig, eine beglückende Fülle gütiger Handlungen und wir schweben auf Windesflügeln himmelwärts.
Quelle: Von der Güte – F. W. Faber, 1952