Nun will ich euch etwas über die Menschenfurcht sagen. Machen wir uns zunächst klar, was sie eigentlich ist! Sie besteht darin, dass wir menschliche Urteile über das Urteil Gottes stellen. Neulich las ich Aufzeichnungen aus den dreißig-tägigen Exerzitien des Paters de la Colombière und war überrascht über folgenden Satz:
„Die Menschenfurcht ist einer der größten Feinde des Ordenslebens.“
Menschenfurcht im Ordensleben
Außenstehende halten die Menschenfurcht wahrscheinlich für etwas, das frommen Nonnen äußerst ferne liegt. Ich fürchte jedoch, dass sie tatsächlich ein Feind selbst der Ordensschwestern ist, ja sogar jener, die Gott ihr ganzes Ich schenken möchten. Die heilige Therese von Avila berichtet, dass am Anfang ihrer Bekehrung die Meinung ihrer Mitschwestern eine der größten Schwierigkeiten für sie war. Wir wissen, dass der Durchschnittsstand einer ganzen Gemeinschaft nie so hoch ist wie das einiger Mitglieder.
Es ist deshalb nie gut, wenn jemand erklärt:
„O, ich tue, was die anderen tun.“
Gott urteilt über uns als Einzelne, nicht als eine Gemeinschaft. Jeder von uns existiert für Ihn, als ob sonst niemand mehr da wäre. Und nicht einmal unserer Lieben Frau würde Er eine unserer Seelen opfern.
Vor Gott als Einzelne
In dieser Welt gibt es kein einziges Ding, das Er nicht eigens so eingerichtet hätte, dass es für uns passt, wobei Er von Ewigkeit voraussah, was es mit uns zu tun haben, wie es auf uns wirken wird. Wenn uns jemand sagte, etwas, das wir tun, sei eines Katholiken ganz unwürdig, und wir antworteten:
„O, andere tun es doch“,
so würde das Gott nicht gefallen. Der Versuch, sich hinter den anderen zu verstecken, nützt nichts, ist sinnlos.
Wir sollen immer unabhängiger werden. Damit meine ich nicht, dass wir uns von den anderen zurückziehen oder kaltherzig gegen sie sein sollen, sondern dass wir auf eigenen Füßen stehen und nur darauf sehen, was Gott will.
Ob er dasselbe von anderen will oder nicht, geht euch nichts an. Achtet nur darauf, dass ihr mit ganzem Herzen Gott zu gefallen sucht und nicht den anderen!
„Ich habe euch ein Herz gegeben“,
sagt Gott zu euch. Und vielleicht dürft ihr erwidern:
„Du hast mir ein Herz gegeben, das nicht allzu viel fertigbringt.“
Nichtsdestoweniger soll es Ihm gefallen und nacheifern – und nicht Schwester Soundso, wie gut sie auch immer sein mag.
Nicht nach anderen gerichtet werden
Mitunter kommen wir auch auf falsche Gedanken, wenn wir ein Heiligenleben lesen. Wir denken:
„Diese Heilige tat dies oder jenes. Und ich habe es noch nie getan.“
Gott wird dich nicht nach dem richten, was diese oder jene Heilige getan hat, sondern nach dem, was du getan hast.
Bisweilen kann sogar unsere gegenseitige Liebe und Bewunderung eine Gefahr sein, wenn wir meinen, wir müssten alles voneinander übernehmen. Nein, Christus sagt:
„Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“
Ahmt den Herrn nach! Ich wiederhole: steht auf euren eigenen Füßen! Im Ordensleben gibt es eine gewisse Neigung, sich herdenmäßig zu verhalten.
„Ich übertrete Regeln. Natürlich tue ich es. Aber andere tun es auch. Eine Regel ist ja nur eine Regel.“
„Aber Gott will es.“
„Was hat es zu bedeuten?“
Wenn Gott mit so wenig Hochachtung behandelt wird, wie kann es Ihm wohlgefallen? Wäret ihr nicht beleidigt, wenn ein Freund euch so behandeln würde? Wenn ihr auf der Seite Gottes steht, das heißt, wenn ihr Ihn wie einen Freund behandelt, dann wird alles gut herauskommen.
Freiwerden von der Meinung anderer
Dieses Freiwerden von der Meinung anderer müsst ihr so gewissenhaft anstreben wie jemand, der über sich selbst Rechenschaft ablegen muss. Überall, wo Menschen in einer Gemeinschaft leben, finden wir viel Menschenfurcht: wir fürchten uns wegen der Zungen anderer, etwas, was Gott will, zu tun. Das ist einer der größten Flecken auf der Vollkommenheit.
Natürlich schätzen wir die Meinung der Heiligen hoch, trotzdem lasst uns stehen oder fallen für unseren Herrn, für Gott allein! Welch ein Trost, wenn ich tue, was Gott will! Nehmt an, ihr macht wirklich einen Fehlgriff! Wenn euer Wille gut ist, würde deshalb Gott keine Umstände machen.
Was andere meinen, hat eine lähmende, beengende Wirkung. Fragt euch:
„Wen soll ich mir nun wirklich zum Vorbild nehmen?“
Nehmt Den, der von euch nie etwas verlangen wird, was ihr nicht tun könnt!
Quelle: Gott lieben – P. Daniel Considine S. J., 1955