Der Sonntag in der Familie 1/3

Vom heiligen Recht des Tages des Herrn: Wo er entweiht wird, verdorren Kraft und Ordnung des Lebens. In treuer Sonntagsheiligung erneuern sich Familie und Gesellschaft, und die Seele findet Sammlung, Segen und Auferstehung im Herrn.

Teil 1 von 3: Die Bedeutung des Sonntags

Wie das Sonntagsleben, so ist das Leben überhaupt.

Aus der Art und Weise, wie ein Volk seine Sonn- und Festtage begeht, kann man mit Sicherheit auf seinen religiösen Geist schließen. Verdorren auf dem Boden des sittlichen Lebens die Wurzeln der Kraft, gerät das allgemeine Wohl in Gefahr, wenn nicht von einer rechten Sonntagsfeier her erfrischende Lebenswasser ausströmen.

Darum mahnt der große Bischof Dupanloup:

„Wem immer Religion und Volkswohl teuer, wem die Grundfesten, auf denen der gewaltige Bau der großen menschlichen Gesellschaft ruht, bekannt sind, der wird alle Kräfte seines Geistes, alle Eingebungen eines aufrichtig wohlmeinenden Herzens, allen Einfluss seiner Stellung, alles, was das geschriebene und gesprochene Wort vermögen, alles, was das Gebet Großes erlangt, aufbieten, um den Sonntag in sein tausendjähriges, vom Segen aller Geschlechter begleitetes Recht wieder einzusetzen.“

Leider wird dies vielfach verkannt. Man kann den Sonntag kaum noch den Tag des Herrn nennen. Der Herr ist beinahe ganz aus dem Besitz verdrängt, und nur schwache Bande knüpfen den Menschen an ihren Gott.
An den Wochentagen Arbeit und zeitliche Sorgen, an den Sonntagen Tand und Genuss und weltliche Torheit: das ist das Leben vieler Menschen.

Kein Wunder, dass es auf der Erde so trostlos geworden ist. Es ist daher hohe Zeit, zu einer christlichen Auffassung und Feier der Tage des Herrn zurückzukehren und auf die weisen Absichten ernstlich einzugehen, die Gott mit der Einsetzung der heiligen Tage verbunden hat.


Die Aufgabe der christlichen Familie

Gerade die christliche Familie ist berufen, den Sonntag wieder in seine Rechte einzusetzen. P. Becker schreibt:

„Will eine Familie ein echt christliches Haus sein, in dem die Erziehung der Kinder gesichert ist, so müssen sich darin finden:
erstens eine treue, gemeinsame Verrichtung der notwendigsten täglichen Gebete,
und zweitens eine gewissenhafte Heiligung der Sonn- und Feiertage.“

Das Reich Gottes, das die Erde erneuern soll, hat einen seiner Hauptanknüpfungspunkte in der Familie. Sie ist die Wurzel und Grundlage der öffentlichen Gesellschaft. Der Geist, der in den Familien herrscht, ist gleichsam der Sauerteig, der das Menschengeschlecht durchdringt.

Um nun die Bedeutung des Sonntags recht zu erfassen, betrachten wir seine Ordnung.


1. Der Sonntag ist der Tag des Herrn

„Warum hat ein Tag einen Vorzug vor dem andern?“ — so fragen frevlerische Lippen.
Der Heilige Geist antwortet:

„Die Weisheit des Herrn hat diesen Unterschied gemacht …
Er machte einen Unterschied zwischen den Zeiten und ordnete Festtage an …
Einige Tage erhob und verherrlichte Gott, andere setzte er unter die gewöhnlichen Tage.“
(Sir 33, 7–10)

Sechs Tage sind dem Menschen zur Arbeit gegeben; der siebente ist Gott geweiht.
Schon vom Anbeginn der Welt hat Gott diesen Tag geheiligt:

„Gott ruhte am siebenten Tag von seinem ganzen Werk …
und er segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.“
(Gen 2, 2–3)

Im Neuen Bund trat an die Stelle des Sabbats der Sonntag. Die Heilige Schrift bezeugt dies mehrfach (vgl. Apg 20,7; 1 Kor 16,2; Offb 1,10).

Auch die Überlieferung der Kirche ist eindeutig. So schreibt der hl. Athanasius:

„Einst wurde der Sabbat in höchsten Ehren gehalten; diese Feierlichkeit hat der Herr auf den Sonntag übertragen.“

Der hl. Augustinus erklärt:

„Den Tag des Herrn haben die Apostel bestimmt, weil an ihm unser Erlöser von den Toten auferstanden ist …“

(…)

Der hl. Papst Leo der Große fasst zusammen:

„Der Sonntag ist durch so große Geheimnisse göttlicher Gnaden geheiliget, dass alles Hohe, was der Herr getan hat, an diesem Tag vollzogen wurde.“


2. Der Sonntag ist der Tag des Menschen

Der Sonntag ist ein Ruhetag zu leiblichem und geistlichem Wohl. Er ist kein Tag der Untätigkeit, sondern — wie Alban Stolz bemerkt — ein Werktag des Geistes.

Papst Leo der Große mahnt:

„Wie der äußere Tempel geschmückt wird, so soll auch der innere Tempel, das Herz, reiner und schöner erscheinen.“

Der Sonntag ist der bevorzugte Tag des Verkehrs mit dem Himmel. Er dient der Sammlung, der Erneuerung und der Stärkung für die kommende Woche.
Er ist gleichsam ein Auferstehungstag der Seele.


3. Der Sonntag ist der Tag der Gesellschaft

Der Sonntag verbindet, was der Alltag trennt. Arm und Reich stehen nebeneinander vor Gott. Alle hören dieselben Wahrheiten, alle nehmen teil am selben Opfer.

„Wo die allein nennenswerten Güter gemeinsam sind, da herrscht wahre Brüderlichkeit.“
(Wilmer)


4. Der Sonntag ist der Tag der Familie

Als Ruhetag soll der Sonntag auch ein wirklicher Familientag sein.
Eltern und Kinder sollen einander gehören, nicht der Zerstreuung.

Der Sonntag, christlich gefeiert, heiligt und verklärt das Familienleben. Er schützt und pflegt Einheit, Frieden und Religiosität.

„Gotteshaus und Familie sind die Stätten, wo die edelste Sonntagsfreude gedeiht.“
(Bischof Stumpf)

Die treue Sonntagsheiligung zieht Gottes reichen Segen auf die inneren und äußeren Angelegenheiten der Familie herab.

„Die meine Tage halten und erwählen, was mir gefällt … ihnen gebe ich einen ewigen Namen.“
(vgl. Jes 56,4–5)


Schlussgedanke

„Habe Mitleid mit deiner Seele, die so leicht die heiligen Dinge vergisst …
Und wann soll sie den rettenden Arm finden, wenn nicht am Tag des Herrn?“
(Montefeltre)

„O Sonntag, du der Menschheit Segenshort …“
F. F. Brill


Quelle: Die christliche Familie – P. Konstanz Rudigier, 1920 – P. Cyprian Fröhlich O. Cap.

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