II) Eine noch größere Sünde begeht, wer das geistige Leben seines Nächsten zugrunde richtet, sei es durch Verführung oder durch Ärgernis.
Wenn du deinen Nächsten zum Bösen beredest, so bist du sein Mörder. (h. Aug.) Wer Ärgernis gibt, begeht einen Mord. (h. Aug.) Ja diese Sünde ist noch größer als der Mord, weil das Leben der Seele einen weit größeren Wert hat, als das Leben des Leibes. Der schrecklichste Mord ist der Seelenmord. Wenn das Blut des Abel schon so sehr gegen seinen Bruder zum Herrn um Rache schrie, um wie viel stärker wird das Blut der auf ewig Verdammten gegen ihre Mörder schreien. (h. Th. Vill.) Auch deswegen ist die Verführung und das Ärgernis eine schwere Sünde, weil sich dadurch die Laster gleich einem angeschwollenen Strome auf andere fortpflanzen.
Derjenige, den man verführt hat, verführt wieder andere. Der vom Vogelsteller eingefangene Vogel und der vom Fischer eingefangene Fisch dient wieder zum Fange anderer: so dient auch die verführte Seele wieder zur Verführung anderer. (h. Ephr.) Die Verführung gleicht einer Schneelawine, die anfangs klein, dann aber immer größer wird und ungeheuere Schneemassen mit sich in den Abgrund hinabreißt; so reißt der Verführer unzählige Seelen mit sich ins Verderben hinab. Wie der Sauerteig die Masse durchdringt, so verdirbt das Ärgernis die Mitmenschen.
Die Verführung
Die Verführung ist das Bemühen, jemanden zur Sünde zu bewegen.
Der Verführer gleicht dem Teufel, der schon die ersten Menschen im Paradiese auf schlaue Weise zum Ungehorsam gegen Gott verleitete. Der Verführer geht zumeist ebenso schlau zu Werke wie der Fischer, der an der Angel die Fische fängt, oder wie der Vogelsteller, der die Vögel mit der Leimrute oder mit der Schlinge fängt. (h. Ephr.) Viele h. Märtyrer suchte man vor ihrer Hinrichtung teils durch freundliches Zureden, teils durch Verheißung, teils durch Drohung und Qualen zum Abfall vom Glauben oder zur Übertretung der Gebote Gottes zu bewegen. – Ein Verführer ist auch, wer andere vom Guten abhält, z. B. vom geistlichen Stande, von der Verrichtung eines edlen Werkes.
– Heutzutage sind besonders kinematographische Theater Verführer der Jugend und des Volkes. Das Kino zeigt allerlei Verbrechen (Diebstähle, Einbrüche, Raub, Mord, Selbstmord, Verführung, Ehebrüche u. dgl.) in lebendigen Bildern. Der Jugend und dem Volke wird gleichsam die Ausführung dieser Verbrechen gelehrt. Diese Theater sind, wie manche Gerichtsverhandlungen zeigten, oft Schulen für Verbrechen gewesen. – Auch Romane und Witzblätter verführen heutzutage das Volk.
Das Ärgernis
Ärgernis ist eine Rede, Handlung oder Unterlassung, die einem andern Anlaß zur Sünde wird.
König Herodes gab den Juden Ärgernis, weil er mit der Herodias, der Frau seines Bruders, lebte. Es gibt Ärgernis, wer auf der Straße betrunken herumgeht, wer vor anderen unanständige Reden führt oder öffentlich Fluchworte ausstößt, wer unanständige Bilder ausstellt, unanständige Theaterstücke aufführt, am Sonntage ohne Not auf dem Felde arbeitet, beim Gottesdienste den schuldigen Anstand nicht beobachtet, religionslose Bücher herausgibt, in den Zeitungen die religiösen Wahrheiten oder die Diener der Kirche verspottet u. dgl.
Die Mitmenschen nehmen daran Anstoß (ärgern sich darüber). Durch jene Handlungen gibt man zugleich dem Nächsten Anlaß, das Böse ebenfalls zu tun; man macht den Mitmenschen also ärger. Statt „Ärgernis“ kann man auch sagen: schlechtes Beispiel. Das Gegenteil des Ärgernisses ist das gute Beispiel. Wie das Beispiel wirkt, sieht man am meisten bei den Kindern; diese machen alles nach, was sie die Eltern oder die Erwachsenen tun sehen.
– Wer Ärgernis gibt, gleicht einem Menschen, der eine Grube macht, in die ein zweiter leicht hineinfallen und in der er verunglücken kann. Wer Ärgernis gibt, ist schlechter als der Teufel, weil ein solcher die zugrunde richtet, die seine Brüder sind, was der Teufel nicht tut. Ärgernis ist eine Sünde gegen die Nächstenliebe. Am meisten schadet jenes Ärgernis, das von hochgestellten Personen ausgeht. Wenn eine Turmuhr schlecht zeigt, führt sie viele Leute irre; ebenso ein Hochgestellter, wenn er Ärgernis gibt.
Ärgernis geben und Ärgernis nehmen
– Es gibt aber böse Menschen, die auch an guten Handlungen Anstoß nehmen. Die Juden nahmen z. B. daran Anstoß, daß Christus am Sabbat Kranke heilte. Es wird in solchen Fällen das Ärgernis nicht gegeben, sondern vielmehr genommen. Die Sünde liegt dann auf Seite dessen, der Ärgernis nimmt. Daher ermahnte schon der Heiland die Apostel, sich um Leute, die Ärgernis nehmen, gar nicht zu kümmern; er sprach:
„Lasset sie; sie sind blind und Führer der Blinden.“ (Matth. 15, 14)
– Daß das gegebene Ärgernis an sich eine schwere Sünde ist, folgt schon daraus, daß der Heiland von jenem, der Ärgernis gibt, sagt:
„Es wäre ihm besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ (Matth. 18, 6)
Ferner sagt der Heiland, er werde am jüngsten Tage durch die Engel jene zusammenbringen lassen, die in seinem Reiche Ärgernis gegeben haben, und sie in den Feuerofen werfen lassen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird. (Matth. 13, 41)
Ärgernisse soll man soviel als möglich zu vermeiden suchen.
Sollte jemand infolge Kränklichkeit die Erlaubnis haben, an Freitagen Fleisch zu essen, und wüßte er, daß andere, mit denen er speist, daran Anstoß nehmen werden, so soll er das Fleisch nicht vor ihnen essen. Ist das aber durchaus unmöglich, so soll er ihnen einfach die nötige Aufklärung geben und kann dann auch vor ihnen essen. Ärgern sie sich trotzdem, so ist es nicht mehr seine Schuld. Der h. Paulus sagt sogar:
„Ich will kein Fleisch essen in Ewigkeit, wenn diese Speise meinen Bruder ärgern sollte.“ (1. Kor. 8, 13)
Der greise Jude Eleazar wollte lieber sterben, als erlaubtes Fleisch essen und dadurch den Schein erwecken, daß er gegen Gottes Gebot Schweinefleisch gegessen habe; er wollte der Jugend kein Ärgernis geben. Er wird in der hl. Schrift als Held gepriesen. (2. Mach. 6, 18)
1) Man darf daher erlaubte, ja sogar gute Handlungen, die nicht geboten, sondern nur geraten sind, hie und da unterlassen, wenn durch diese Ärgernis entstehen könnte.
2) Solche Handlungen aber, die von Gott geboten sind, darf man auf keinen Fall unterlassen, wenn auch andere daran Ärgernis nehmen sollten; doch soll man durch Belehrung das Ärgernis soviel als möglich zu beheben trachten.
Durch Beobachtung einer gebotenen guten Handlung gibt man kein Ärgernis, sondern im Gegenteil ein gutes Beispiel. In diesem Falle begeht also der eine Sünde, wer an einer solchen Handlung Ärgernis nimmt. An etwas Gutem ärgert sich nur eine lasterhafte Seele. (Tert.) Es ist besser, daß Ärgernis entsteht, als daß die Wahrheit verlassen werde. (Tert.)
Christus wußte, daß die Juden daran Anstoß nehmen werden, wenn er am Sabbate Kranke heilte; und doch hat er die Kranken geheilt. Er belehrte aber gleichzeitig die Juden:
„Wer von euch würde ein Schaf, das am Sabbate in eine Grube fällt, nicht herausziehen? Um wie viel besser ist ein Mensch als ein Schaf. Es ist also erlaubt, am Sabbate Gutes zu tun.“ (Matth. 12, 10 ff.)
Quelle: Katholischer Volkskatechismus – Franz Spirago – 1927