Mitgefühl und dessen Mangel

Mitgefühl ist eine der edelsten Gaben, die Gott in das menschliche Herz gelegt hat. In ihm findet der Leidende Trost, der Einsame Gemeinschaft und die Seele eine stille Bestätigung, dass sie nicht vergessen ist.

Es gibt kaum eine größere Macht auf Erden, als das Mitgefühl. Das Verlangen darnach ist ein gottgewollter Zug unserer Natur: Gott will nicht, dass wir allein stehen.

Der Heiland verlangte selbst nach Mitgefühl, namentlich in seiner Todesangst, aber auch während seines ganzen Erdendaseins. Indes, wie bitterlich litt er unter dem Mangel daran!

So mag es auch oft mit uns der Fall sein. Wenn wir unter einem besonders unerfüllten Verlangen dieser Art leiden, lasst es uns mit der Entbehrung des Geistes vereinigen, die der Heiland in seinem bitteren Leiden erduldete!

Den Mangel an Verständnis und Mitgefühl zu erfahren und dabei lernen, allein zu stehen: dies wird uns von größtem Nutzen für unser geistliches Leben sein.

Denn wenn wir es hinieden nicht finden, sind wir genötigt, von der Erde zum Himmel aufzuschauen.

Da wissen wir Einen, der uns wandellos Halt ist und der all unsere Leiden und Schwierigkeiten vollkommen kennt.

In der Tat gibt es Naturen mit starker Liebesfähigkeit, auf die Gott eifersüchtig zu sein scheint, sodass er deren ganzen Liebesreichtum für sich allein in Anspruch nimmt. Solchen entzieht er alles menschliche Verstehen, sodass sie gezwungen sind, sich ihm zuzuwenden, der allein sie befriedigen kann.

Doch diese ausschließliche Hinwendung zu Gott ist nicht etwas, das man in einem Jahr erreichen kann. Wir werden wohl lange Jahre brauchen, bevor wir lernen, uns gänzlich zu Gott hinzuwenden, bei ihm das Verstehen zu suchen, dessen wir bedürfen, auf ihn als unseren wahren Tröster zu schauen.

Ohne menschliche Teilnahme auszukommen und tapfer deren Entbehrung zu ertragen, macht uns selbstlos.

Oder ist das übergroße Verlangen nach Sympathie nicht eine von den mannigfachen Formen der Selbstsucht?

Indem wir selber auf Sympathie verzichten müssen, lernen wir aus Erfahrung, andere zu verstehen.

Niemand ist so fähig, anderen Verständnis entgegenzubringen als ein Mensch, der dessen Mangel empfunden hat und nun die anderen vor einem ähnlich bitteren Kelche bewahren will, wie er ihn hat trinken müssen.


Quelle: Vom religiösen Frohsinn – P. Daniel Considine S. J., 1929

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