Ein ernstes Kapitel: Die Unschuld der Kinder

Ein Auszug über die kostbare Unschuld des Kindes und ihre behutsame Bewahrung.

Schön ist es, wenn im Frühling die aufgehende Sonne den Himmel mit einem lieblichen Rot überzieht, die Wolken mit goldenem Rand umsäumt und Berg und Tal in Purpur kleidet. Herrlich ist der Glanz der Sonne, wenn sie am hohen Mittag bei wolkenreinem Himmel die ganze Landschaft in ein Lichtmeer wandelt. Lieblich ist des Mondes Silberschein, der die Nacht einer Winterlandschaft erhellt.

Doch unvergleichlich schöner, lieblicher und anmutiger ist eine reine, unschuldige Kinderseele.

„Am tiefsten rührt die Seele das Kindesauge.“

Die Unschuld ist der schönste und kostbarste Schatz des Kindes.

Ein unschuldiges Kind – welche eine schöne, liebliche Himmelsblume!
Ein verdorbenes Kind – welch eine hässliche Erscheinung, welch ein Gräuel, welch schlimmes Vorzeichen für die Zukunft!


Vor vielen Jahren ging ein italienischer Maler durch die Straßen seiner Vaterstadt. Da sah er auf einmal einen Knaben von solch wunderbarer Schönheit vor sich, dass er erstaunt stehen blieb und sich dachte:

„Das Bild dieses Knaben möchte ich haben!“

Er bat den Knaben, sich von ihm malen zu lassen, was der Knabe gerne geschehen ließ.

Der Maler betrachtete später oft das schöne Bild und fragte manchmal bei sich, was wohl aus diesem engelgleichen Knaben geworden sein möchte. Eines Tages ging er wieder spazieren, und da sieht er einen jungen Mann, dessen Mienen so hässlich, so verkommen, ja so teuflisch aussahen, dass er unwillkürlich stehenblieb.

Er dachte:

„Dieses Bild möchte ich malen und es in meinem Zimmer neben dem herrlichen Bild des unschuldigen Knaben aufhängen; es wäre ein Gegensatz, wie man ihn wohl selten finden dürfte.“

In diesem Augenblick trat der verkommene Jüngling an ihn heran und bettelte um ein Almosen.

„Bitte“, sagte der Künstler, „kommen Sie auf mein Zimmer und lassen Sie mich Ihr Bild malen, ich will Sie gut dafür bezahlen.“

Der junge Mann willigte ein. Als das Bild vollendet war und er sich entfernen wollte, fiel sein Blick auf das Bild des herrlichen Knaben. Er blieb stehen, betrachtete es näher, wurde dann bleich und brach in einen Strom von Tränen aus.

„Was ist Ihnen?“, fragte der Künstler.

Nach einer Weile sprach er in gebrochenen Worten:

„Das, mein Herr, ist mein eigenes Bild; vor zwanzig Jahren haben Sie mich auch gemalt. Ach, damals und jetzt! Damals war ich ein unschuldiges, hoffnungsvolles Kind, jetzt bin ich ein verlorener Mensch. Damals war ich noch ein guter, frommer Knabe, aber jetzt bin ich so verdorben, dass sich alle von mir wegwenden.“

Auf die Frage, wie er so weit gekommen sei, entgegnete er:

„Die Leidenschaft, das Laster der Unreinigkeit, zu dem ich schon in früher Kindheit verführt wurde, hat mich so hässlich und unglücklich gemacht.“


Die Eltern erhalten ihre Kinder bei der heiligen Taufe aus der Hand der Kirche im Kleid der Unschuld. Als zarte und heilige Blumen übergibt sie Gott der Herr durch seine Kirche der Obhut der Eltern.

Sie sollen also mit der treuesten Sorgfalt darüber wachen, dass ihre Kinder an ihrer Unschuld ja keinen Schaden erleiden. Und dies ist wohl der schwierigste Teil der Erziehung.

Wir wollen nun mit dem möglichsten Zartgefühl diesen äußerst wichtigen Gegenstand behandeln und jene Winke und Fingerzeige erteilen, die gewissenhafte Eltern, denen die Unschuld und Reinigkeit ihrer Kinder am Herzen liegt, wohl beachten müssen.


1. Pflege des Schamgefühls

Das heilige Schamgefühl, das Gott in die Menschenbrust gelegt hat, ist, wenn es gewissenhaft gehütet und gepflegt wird, die sicherste Umzäunung der Unschuld, die beste Abwehr alles dessen, das der heiligen Reinigkeit gefährlich oder nachteilig werden könnte; es ist ein fester Damm wider das Eindringen der Unlauterkeit.

Eben darum ist es von unendlicher Wichtigkeit, dass das heilige Schamgefühl bei den Kindern nicht im Mindesten verletzt, vielmehr sorgsam gehegt und in seiner ganzen Zartheit erhalten werde.

Die Eltern sollen Sorge tragen, dass die Kinder gegen sich selber recht schamhaft seien. Hier ist freilich große Vorsicht und Klugheit nötig, denn, wie Patiß im Leben der hl. Zita bemerkt, zu große Ängstlichkeit und zu leichtfertige Gleichgültigkeit wären in gleicher Weise schädlich.

Den Kindern soll nichts gestattet werden, das unanständig ist, und sie sollen nicht aufmerksam gemacht werden auf das, was sie nicht kennen; und das zu bewirken, ist die große Kunst, die nur die Tugend verstehen und üben kann.

„Es ist sehr wichtig, dass schon das ganz kleine Kind, besonders das Mädchen, an Schamhaftigkeit gewöhnt werde.“
(Hillmann, S. 72)

„Auch das kleinste Kind darf niemals ein Zimmer verlassen, ohne gehörig und fertig gekleidet zu sein.“
(v. Liebenau)

Es darf beim Kind in Kleidung, Stellung und Verrichtungen nichts geduldet werden, was für dasselbe in späteren Jahren unschicklich wäre.

„Wenn die Mutter es nicht verhindert, dass sich kleine Kinder unanständige Entblößungen erlauben, wird dadurch das Schamgefühl von früh an abgestumpft.“
(Bischof Cramer)

Auch zu kurze Kleider und unsittliche Trachten sind für die Unschuld der Kleinen eine große Gefahr. Das Schamgefühl muss dabei frühzeitig abgestumpft werden.

Das Kind lerne durch seinen Anzug und seine Behandlung Ehrbarkeit, Schamhaftigkeit und Wohlanständigkeit. Man kann es an die Gegenwart seines heiligen Schutzengels oder an das allsehende Auge des himmlischen Vaters erinnern – dies wird genügen, um Ungeziemendes abzustellen.

Auch Schlaf, Baden, Spiel und Tagesablauf verlangen sorgfältige Ordnung.

„Die sorgsame Mutter überwacht Einschlafen und Aufstehen der Kinder.“
(Ernst)


2. Beispiel zarter Schamhaftigkeit

Den Kindern muss ein schönes Beispiel zarter Schamhaftigkeit gegeben werden. Die alten Römer hatten den Spruch:

„Reverentia puero habeatur“
Vor Kindern muss man Ehrfurcht haben.

Kinder sind aufmerksame Beobachter. Sie ahmen nach, was sie sehen und hören.

„Die Kinder gleichen Spiegeln, die alles aufnehmen.“

Darum sollen Eltern im Reden, in der Kleidung, in den Gebärden und in der Berührung strengste Sittsamkeit beobachten.


3. Wachsamkeit im Haus und Umgang

Die Unschuld des Kindes muss nach Gottes heiligem Willen die beste Obhut im Elternhaus finden. Alles, was sie gefährden könnte, muss ferngehalten werden.

Unanständige Gespräche, Scherze, Lieder und Bilder sind zu vermeiden.

„Ein einzig böses Wort – und die Unschuld ist fort.“

Auch öffentliche Bilder, Kinos und Schaubühnen bergen Gefahren.

„Das reine Kinderauge gleicht einem fotografischen Apparat.“
(Fred Fidelis)


4. Verkehr und Umgang der Kinder

Besondere Wachsamkeit ist geboten beim Umgang der Kinder untereinander, beim Schlafen, Spielen und Arbeiten.

Kinder sollen nicht unbeaufsichtigt mit Fremden oder Gleichaltrigen verschiedener Geschlechter schlafen oder spielen.

„Weg also mit den Kindern aus der Schlafkammer der Eltern.“
(Jais)

Auch bei Dienstboten, Nachbarn und Schulkameraden ist Vorsicht notwendig.

„Lieber sterben als verderben!“
(hl. Kasimir)

„Der sittenreine Mensch ist das eigentliche Meisterwerk der Erziehung.“
(Ernst)


Quelle: Die christliche Familie – P. Konstanz Rudigier, 1920, S. 307–313

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