Die Schulung des Gewissens
Die einzelne Beichte schärft durch die Gewissenserforschung unsere Unterscheidungskraft für das, was Gott wohlgefällig ist und was ihm nicht gefällt; sie bildet durch die Reue unser Herz um, dass dasselbe anfängt, auch kleinere Fehler zu fürchten und zu verabscheuen; sie weckt unsere Achtsamkeit; sie spornt unsern Willen zu ernstem sittlichem Streben an. Zu all diesem verleiht sie dann die „besondere Gnade“ des Bußsakramentes, durch welche, wenn die Gelegenheit zur Durchführung des Vorsatzes gekommen ist, die Wachsamkeit des Geistes angeregt und der Wille zum Kampf gestärkt wird.
Daraus ergibt sich als erste und lieblichste Frucht der guten häufigen Beichte eine große Zartheit des Gewissens, ein lebhafter Abscheu vor allem, was Gott beleidigt, eine beständige Aufmerksamkeit auf jeden ungeordneten Hang, um seinen ersten Regungen entgegenzutreten, eine beharrliche Treue in der Erweckung der Reue nach jedem Fehltritte, den wir begehen können. Die Verfeinerung des sittlichen Empfindens hängt so enge mit dem Wesen der Buße, mit den Gnaden des Bußsakramentes zusammen, dass sie von der öfteren und bußfertigen Beichte unzertrennlich ist und bei allen, die häufig beichten, unbedingt erwartet werden muss, wenn auch nicht sofort, so doch nach längerer Übung, wenn auch nicht gleich in vollendetem Maße, so doch in langsam steigender Vollkommenheit. Bei der Unbeständigkeit des menschlichen Gemütes muss freilich immer damit gerechnet werden, dass auf Zeiten des Aufstieges Zeiten des Niederganges kommen, dass die Sorgsamkeit für kurze Zeit der Nachlässigkeit Platz macht. Aber dass bei häufigem Empfange des Bußsakramentes Skrupellosigkeit, Stumpfheit des Gewissens, innerliche Verwilderung und Verwahrlosung zur dauernden Signatur der Seele werden, ist ausgeschlossen, wenn die Beichte mit reumütiger Gesinnung abgelegt wird. Lauheit und öftere Beichte können nicht dauernd Hand in Hand gehen; wo jene bleibender Zustand ist, da hat die Seele einigen Grund zu Bedenken hinsichtlich ihrer Beichten.
Der Kampf gegen die Sünde
Aus der öfteren Erneuerung von Reue und Vorsatz und aus dem öfteren Empfang der „Besonderen Gnaden“ ergibt sich als zweite Zukunftsfrucht der häufigen Beichte der redlich geführte Kampf gegen die Quellen der lässlichen Sünde, gegen böse Neigungen und üble Gewohnheiten. Diese zweite Frucht hat vor der ersten voraus, dass sie leichter zu konstatieren ist. Denn der Kampf, um den es sich handelt, besteht in einer Reihe von Handlungen vor und nach der Versuchung, über die sich unser Bewusstsein nicht leicht täuschen kann. Ist diese Frucht ebenfalls notwendigerweise mit dem häufigen und guten Empfang des Bußsakramentes verbunden wie die vorige?
Aus der häufig wiederholten guten Handlung entspringt die gute Gewohnheit; aus dem häufig wiederholten edlen Affekt die edle Gesinnung. Darum wurde oben gesagt, die Verfeinerung unseres sittlichen Empfindens sei mit dem öfteren guten Empfange des Bußsakramentes unzertrennbar verbunden. Darum muss man auch sagen: Der häufig erweckte Akt der Reue, der innerhalb so kurzer Fristen immer wieder erneuerte Vorsatz, die so oft empfangene Gnade des Bußsakramentes müssen auf die Dauer dazu führen, dass sich die Seele Mühe gibt gegen die wiederkehrende Sünde, dass es zu Anstrengungen kommt. Ich sage „auf die Dauer“. Denn auch ein ernstgemeinter Entschluss fällt wohl zuweilen der Vergessenheit anheim, wenn widerliche Umstände eintreten, manchmal sogar unmittelbar nach der Beichte. Wenn es mithin nach der Beichte zuweilen zu gar keiner Anstrengung kommt und wenn die Bemühungen, den Vorsatz durchzuführen, fast regelmäßig nach einigen Tagen an Sorgfalt verlieren, so ist das weiter nicht zu verwundern. Das erklärt sich ganz gut aus der menschlichen Unbeständigkeit. Es ist aber bei ernstem Willen ausgeschlossen, dass das Vergessen des guten Vorsatzes unmittelbar nach der Beichte zur Regel wird und dass es so gut wie nie zur Anwendung der bewahrenden, vorbeugenden und sühnenden Mittel kommt. Der Kampf gegen die gebeichteten Sünden gehört zu jenen Wirkungen, die man von der öfteren Beichte, wenn nicht in jedem Fall so doch auf die Länge, unbedingt erwarten muss, deren vollständiges Ausbleiben ein Zeichen mangelnder Bußgesinnung bei dem Pönitenten ist.
Fortschritt und Bewahrung
Und wird nun aus der wachsenden Sorgfältigkeit des inneren Strebens und dem redlichen Bemühen nicht auch zuletzt die dritte Zukunftsfrucht der häufigen Beichte, die Bewahrung vor der gebeichteten Sünde, die Ausrottung schlechter Gewohnheiten, der Fortschritt erblühen? Gewiss, denn wie könnten so viele Gnaden, die uns zur Stütze unseres Strebens nach Besserung gegeben werden, zuletzt ohne Frucht bleiben?
Es sollte eigentlich nicht notwendig sein, diese Lehre zu betonen; denn es ist eine klare Sache. Und doch kann man die Ansicht hören, die Devotionsbeichte habe keinen andern Zweck, als die Gläubigen vor der Todsünde zu bewahren. Das ist falsch. Thomas sagt:
„Wer für lässliche Sünden Buße tut, muss den Vorsatz haben, zur Verminderung seiner Sünden sich anzuschicken, sonst läuft er Gefahr, bergab zu gleiten, da er den Wunsch aufgibt, voran zu schreiten.“
Summa theol. p. 3, qu, 87, a. 1. Gehört aber der Wunsch nach sittlichem Fortschritt in Sachen der lässlichen Sünden zu den unerlässlichen Bedingungen der Buße, so gehört auch der wirkliche Fortschritt zu den Früchten derselben. Gewiss ist die Bewahrung vor der Todsünde eine der Wirkungen der häufigen Devotionsbeichte und wie viele verdanken ihre Beharrlichkeit im Guten ihrem häufigen Beichten! Daraus darf man aber nicht schließen, dass dies der besondere und einzige Zweck der Beichte der lässlichen Sünden ist. Das Beharren im Gnadenstande ist letzten Endes das gemeinsame Ziel aller Sakramente, aller Gnaden, aller unserer Bemühungen sogar der evangelischen Räte. Trotzdem haben diese Dinge noch ihre besondere Aufgabe und ihr Endzweck, die Beharrlichkeit im Guten, wird nur dadurch erreicht, dass bei jedem einzelnen derselben die besondere Aufgabe ernstlich angestrebt wird. So auch bei der Devotionsbeichte. Wer aufhörte, sehnsuchtsvoll nach der Frucht der Besserung auszuschauen, „liefe Gefahr zurückzugleiten,“ das heißt in vielen Fällen, in die Todsünde zu fallen.
So ist denn unbedingt daran festzuhalten, dass die Besserung eine Frucht der häufigen Devotionsbeichte sein muss. In dieser Hinsicht darf man jedoch weder zu viel noch zu wenig erwarten.
Fortsetzung folgt
Quelle: Die Devotionsbeichte – P. Ph. Scharsch OMI, 1922