Grundlage des Eheglücks
Nach Gottes Willen sind die meisten Menschen für die Ehe bestimmt. Das Familienleben soll für sie die Quelle der reinsten, schönsten, beseligendsten irdischen Freuden sein. Nicht in der Öffentlichkeit, nicht im Genießen, nicht auf dem Tanzboden, im Kino, in Vergnügungslokalen, in Ausflügen, Sport oder sonst wo ist wahres Glück zu finden; es wohnt im stillen Heim und gründet sich auf wahrer, echter, edler Liebe der Gatten zueinander und zwischen Eltern und Kindern. Eine unerlässliche Vorbedingung für dieses Glück ist die rechte Stellung des Mannes zur Frau. Er muss in ihr die Lebensgefährtin, den treuen Kameraden, die Mutter seiner Kinder sehen und sie als solche behandeln. Diese Auffassung ergibt sich aber nicht von selbst; sie muss erkämpft, sie muss der niederen Natur abgerungen und gegen zahlreiche Feinde verteidigt werden. Es ist die Aufgabe des heranwachsenden jungen Mannes, sich diese hohe, edle Anschauung von der Gattin zu eigen zu machen. In den Jahren der körperlichen und geistigen Entwicklung bildet sich auch seine Auffassung vom Weibe. Sie ist der Abschluss, das Ergebnis seines Strebens und Lebens. Ungetrübtes, tiefes, beseligendes Eheglück ist daher nur jenen beschieden, die sich als werdende Männer durchgerungen haben zur tiefen Ehrfurcht vor der Frauenwürde, zur wahren Ritterlichkeit. Es wäre nun merkwürdig, wenn der allweise Gott nicht die entsprechenden Vorkehrungen getroffen hätte, dass bei der naturgemäßen Entwicklung des Knaben und Jünglings diese Ritterlichkeit sich nicht von selbst ergeben würde.
Mutterliebe
Die innigsten Beziehungen, die es für jeden Menschen geben kann, verbinden ihn mit der Mutter. Freilich weiß das Kind noch nicht, was es der Mutter eigentlich verdankt. Das ist auch noch nicht nötig. Aber Gott hat es weise eingerichtet, dass das Kind an erster Stelle auf die Mutter angewiesen ist. Sie ist ihm Ein und Alles. Aus ihrer Hand empfängt es fast alle Wohltaten; es wird groß auf dem Schoß der Mutter. Immer wieder hat es Gelegenheit, die aufopfernde, treusorgende, stets hilfsbereite und nie versagende Mutterliebe zu bewundern. Damit ergibt sich von selbst, dass in der Reihenfolge der Werte, die es für ein Kind gibt, die Mutter den ersten Platz einnimmt.
Diese ehrfurchtsvolle Liebe wird gewaltig vertieft, wenn der Knabe erfährt, was das Wort „Mutter“ bedeutet. Ich zeigte dir ja schon, was das alles besagt, dass sie dich neun Monate unter dem Herzen trug, dich unter Schmerzen gebar und an der Brust stillte. Zugleich hat sie dir, als du noch so klein und hilflos warst, Dienste erwiesen, die sie niemandem zumuten mochte. Wie viel Sorge, Geduld, Selbstlosigkeit, Opfersinn, ja schlaflose Nächte hat es ihr gekostet, bis du allmählich heranwuchsest und dir allein helfen konntest. Welche Liebe und Güte hat sie dir immer bezeigt. Wie lieb und freundlich hat sie dich immer angesehen! Ist es da anders denkbar, als dass du dankbar und freudig erschauerst, wenn du nun bedenkst, was deine Mutter dir ist?
Grundlage der Ritterlichkeit
Diese Ehrfurcht vor der Mutter ist die Grundlage der ritterlichen Gesinnung des Jungmanns vor dem Weibe. Auf die Achtung vor der Mutterwürde kann diese allein aufgebaut werden. Man kann beim Jungmann keine Ehrfurcht vor dem Mädchen erwarten, wenn er nicht gelernt hat, Achtung vor der Mutter und Mutterwürde zu haben.
Gott hat weiter gesorgt. Bei normalen Umständen wächst der Junge mit seinen Schwestern auf, und innige Bande der Liebe schlingen sich um die Geschwister. Unter gesunden Verhältnissen sind dem Bruder die Schwestern geschlechtslos. Der Geschlechtsreiz ist sozusagen ausgeschaltet. Im Benehmen gegenüber der Schwester muss der Junge zunächst seine Ritterlichkeit betätigen, indem er es als seine Aufgabe betrachtet, die Schwester als die Schwächere zu schützen, ihr zu helfen, ihr Berater zu sein, alles herrische Benehmen zu vermeiden und sich ein rücksichtsvolles, freundliches Benehmen ihr gegenüber anzueignen. Geschwister, die sich gut verstehen, leisten sich in vieler Hinsicht dieselben Dienste wie Mann und Frau, nur dass jede geschlechtliche Neigung so gut wie ausgeschlossen ist. So lernt der Jüngling unbewusst jene Ritterlichkeit, die er jeder Jungfrau bezeigen soll.
Es ist dazu selbstverständlich, dass er gelegentlich bei seiner Schwester ihre Freundinnen trifft. Was ist natürlicher, als dass er sie in derselben Weise achtet und ehrt wie seine Schwester? Würde jemand seiner Schwester zu nahe treten wollen, so wäre er empört und würde mit heiliger Entrüstung für ihre Ehre eintreten. Wie könnte er da der Schwester eines andern gegenüber selbst etwas denken und tun, was er bei einem andern der eigenen Schwester gegenüber so scharf verurteilen würde? Er muss jedes Mädchen so zu behandeln lernen, wie er wünscht, dass andere sich gegenüber seiner Schwester benehmen. Hier lässt sich mit einer kleinen Änderung eines bekannten Spruches der Grundsatz aufstellen:
„Was du nicht wünschst, das man ihr tue, das tue selbst auch keiner andern!“
Aufgaben von Gattin und Mutter
Von großer Wichtigkeit ist es ferner, dass der heranwachsende Jungmann Verständnis bekommt für die großen Aufgaben der Gattin und Mutter. Das schönste Beispiel hierfür hat er an seiner eigenen Mutter stets vor sich. Er muss aber lernen, mit sehenden Augen durchs Leben zu gehen, und Blick haben für die inneren Vorzüge des weiblichen Wesens, damit er sich nicht von äußerer Schönheit blenden und täuschen lässt. Sein Urteil über Frauen darf er nicht bilden nach leichtsinnigen Reden sittenloser Kameraden noch nach den Einflüsterungen der Leidenschaft, sondern nach wohlmeinenden Belehrungen erfahrener Menschen.
Christliche Auffassung der Ehe
Für die weitere Stellung des jungen Mannes gegenüber der Frauenwelt ist es von ausschlaggebender Bedeutung, von welchem Standpunkte aus er die eheliche Hingabe auffasst. Sobald er Gottes Anordnungen in Betreff der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes kennt, beginnt der Entscheidungskampf der verschiedenartigen Auffassungen vom Weibe. Gerade hier muss er sich durchringen zu einer edlen, christlichen Anschauung von der Ehe, von der Vater- und Mutterwürde. Wer sich die niedrige Auffassung der Welt und Leidenschaft von der Ehe zu eigen macht, sieht in dem Weibe nur noch den Gegenstand niederen sinnlichen Begehrens. Im Lichte des Glaubens aber ist die Ehe ein Heiligtum. Sie lässt den Menschen in gewisser Weise teilnehmen an der Schöpfermacht Gottes. Christus hat sie zur Würde eines Sakramentes erhoben. Vater werden schließt ein unbeschreibliches Glück, aber auch eine große Verantwortung in sich. Die eheliche Hingabe endlich ist nur dann des Menschen würdig, wenn sie der Ausdruck edler, von Gott gewollter und durch ein Sakrament geheiligter Liebe ist. (Vgl. in „Junge Helden“ das Kapitel: Ein Heiligtum.)
Das sind die Gedanken, die ein edler junger Mann sich aneignen muss. Dann zieht auch Ehrfurcht vor der Mutterwürde und vornehme Zurückhaltung vor jeder Jungfrau und Mutter, wahre Ritterlichkeit in seine Seele ein.
Innere Haltung und Selbstzucht
Wer ein innerlich vornehmer, edler Mann werden will, muss daher sorgfältig alles fernhalten, was der niedrigen Auffassung zum Siege verhelfen könnte: seichte Lektüre, leichtfertige Kameraden, lüsterne Darbietungen im Kino, Theater usw. Der Jungmann muss wachen über seine Gedanken und es ihnen verwehren, wenn sie sich in die Tiefe lüsterner Vorstellungen verirren wollen. Er muss sich zwingen, nur in edler Weise von der Frauenwürde zu denken und Blick und Verständnis für die hohe Aufgabe der Gattin und Mutter zu bekommen.
Es ist klar, dass es für diese Zeit werdender Reife für den jungen Mann am vorteilhaftesten ist, wenn in den Kreis seiner Interessen kein weibliches Wesen tritt, das störend oder hemmend in die ruhige Entwicklung eingreifen und seinem Geiste eine bedenkliche Richtung geben könnte. In diesen Jahren, wo noch alles in Fluss ist, wo der junge Mann noch nicht mit sich fertig, seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, könnte es verhängnisvoll für ihn sein, wenn er unter dem Schein der Freundschaft irgendeinem Mädchen nähertreten würde. Wir haben bereits gesehen, dass eine Freundschaft, wie sie zwischen Jungmännern wünschenswert und vorteilhaft sein kann, zwischen Junge und Mädchen nicht möglich ist, ohne dass sie ausartet und die schlimmsten Folgen haben kann. Nur wenn Junge und Mädchen getrennt voneinander, jeder für sich, aufwachsen, können sie zu vollwertigen, echten Männern und Frauen heranblühen.
Das schließt nicht aus, dass Jungmänner und Jungfrauen gelegentlich in den Familien oder bei Festlichkeiten freundlich miteinander verkehren, dass sie unter Aufsicht der Eltern gemeinsame Ausflüge machen und an erlaubten Lustbarkeiten teilnehmen. Es ist auch klar, dass diese Gelegenheiten für den jungen Mann durch die Anwesenheit der Jungfrauen einen besonderen Reiz haben, wie er sich auch mit der einen besser unterhalten wird wie mit der andern. Er darf auch Sinn und Verständnis haben für weibliche Anmut und Schönheit, wie er sich erfreuen darf an andern Kunstwerken des Schöpfers. Aber gerade bei diesen Gelegenheiten muss er lernen, Herr seiner selbst zu bleiben, niedrige Gedanken und niedriges Begehren, falls sie sich regen sollten, niederzuhalten, wie sich in ihnen auch zeigt, ob er es fertiggebracht hat, sich zur echten Ritterlichkeit, zur wahren Ehrfurcht vor der weiblichen Würde durchzuringen. Er muss imstande sein, sich an der Schönheit des Weibes zu erfreuen, ohne dass die Leidenschaft mit ihrer Gier ihn überwältigt.
Begegnungen und Bewährung
Regelmäßige Zusammenkünfte aber, sei es beim Tanzunterricht, beim Einüben von Theaterstücken oder sonstigen Aufführungen enden ebenso regelmäßig mit dem Anbändeln von allerhand Liebeleien. Es finden sich stets manche, die den Anreizungen einer Person des andern Geschlechtes unterliegen, oder auch solche, die sich freuen, bei dieser Gelegenheit einen Grund zur gegenseitigen Annäherung zu finden. Daher sollte jeder Jungmann, der bei solchen Anlässen mit Mädchen zusammenkommt, sich bewusst sein, was echte Ritterlichkeit von ihm verlangt. Er muss sein Verhalten nach festen Grundsätzen einrichten und etwaige Gefühlsanwandlungen bändigen, damit diese nicht mit ihm durchgehen.
Es kann auch sein, dass der Beruf es mit sich bringt, dass Jungmänner und Mädchen gemeinsam arbeiten oder miteinander verkehren müssen. Hier zeigt sich wieder, wes Geistes Kind der junge Mann ist. Manche werden diese Gelegenheit benutzen, um mit den Mädchen Liebeständeleien anzufangen. Ein ernster, edler Jungmann weiß sich auch hier zu beherrschen. Er lässt den Gedanken und sinnlichen Neigungen, die sich vielleicht regen könnten, nicht freien Lauf, sondern hält sie entschlossen nieder und wird mit vornehmer Zurückhaltung, aber auch mit aufrichtiger Freundlichkeit die Kolleginnen behandeln. Er ist sich seiner Verantwortung wohl bewusst, da es ja nun auch an ihm liegt, was aus ihnen wird, und behandelt sie so, wie er wünscht, dass andere etwa seiner Schwester oder späteren Braut gegenüber sich benehmen. Wenn das Wort wahr ist, dass ein Charakter sich in dem Strom der Welt bildet, so gilt das auch für die wahre Ritterlichkeit, die sich nur dann in ihrer ganzen Größe entfalten kann, wenn der Jungmann Gelegenheit hat, sie in solchen Fällen, wie sie das tagtägliche Leben mit sich bringt, zu betätigen.
Äußeres und Inneres
Ritterlichkeit besteht also nicht in bloßen Äußerlichkeiten, dass man die Frauen zuerst grüßt, ihnen Platz macht, sie an seiner rechten Seite gehen lässt und sie mit zuvorkommender Freundlichkeit behandelt. Alles das muss der Ausdruck echter, vornehmer, innerer Ehrfurcht und damit Ausdruck der Gesinnung sein, sonst ist es abscheuliche Heuchelei.
Schutz der Schwachen
Die Ritterlichkeit muss sich auch gegebenenfalls darin zeigen, dass der junge Mann Schwache stützt und Wankende aufrichtet. Es kann ihm begegnen, dass Mädchen, die den inneren Halt verloren, sich ihm aufdrängen und mit ihrer Gefallsucht ihn zu verlocken suchen. Er braucht bloß zu wollen, und sie sind sein. Es handelt sich nun darum, ob er aufrechten Sinnes sich treu bleibt, oder ob sie ihn zu Fall bringen. Es kann sich weiter darum handeln, ob er sie durch sein ritterliches Verhalten stützt und rettet, sodass sie, beschämt durch seinen Edelsinn, sich auf ihre Würde wieder besinnen und erkennen, dass es noch Höheres gibt als Liebeständeleien, oder ob er mitschuldig daran sein will, dass sie noch mehr entarten und verderben. Wie manche Unglückliche sind tiefer und tiefer gesunken, weil sie niemals einen Mann trafen, der Achtung vor ihrer Würde verriet, weil alle sie noch tiefer in das Laster und Elend hinabstießen. Manche könnten gerettet werden, wenn sie Männer träfen, die, anstatt ihre Schwäche zu missbrauchen, ihnen durch ihr vornehmes, zurückhaltendes Benehmen die Hand reichen würden, um sie aufzurichten. Dankbar werden sie sich dieser ritterlichen Helden erinnern.
Dass ein edler junger Mann Personen, die sich wegwerfen, keines Wortes und keines Blickes würdigt, braucht wohl nicht weiter betont zu werden.
Treue zur zukünftigen Gattin
Das ganze Benehmen des jungen Mannes gegenüber der Frauenwelt soll von dem Gedanken getragen sein, dass ihm, falls er nach Gottes Willen später heiraten wird, nur eine und er nur einer angehören darf: das ist seine Lebensgefährtin, die Mutter seiner Kinder, und dass er es sich durch ein reines, edles Leben verdienen muss, mit ihr einst glücklich und von Gott gesegnet zu werden. Es muss für ihn unabänderlicher Grundsatz sein, der ihm derart in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass eine Verletzung desselben ihm ein unerträglicher Gedanke wäre:
Ich will der Gattin, die mir Gott bestimmt, schon jetzt unwandelbare Treue bewahren. Ich will nur Ihr angehören und niemals einer andern.
Wer sich zu dieser klaren, bestimmten Stellungnahme nicht entschließen kann, wird sich auf die Dauer von Verfehlungen nicht freihalten. Unentschiedenheit, Unschlüssigkeit, Halbheit führt wie überall so auch hier „zum Teufel, nur ganzes Denken führt zu Gott“. Es handelt sich eben um den Kampf mit der hinterlistigsten, verschlagendsten, erbittertsten Gegnerin, die in des Menschen Brust einen mächtigen Bundesgenossen hat, und die vereint um jeden Preis die Herrschaft erringen möchten. Und in jedes Menschen Leben gibt es Gelegenheiten und Versuchungen, in denen nur jene standhaft bleiben können, denen es ausgemachte Sache ist, dass sie niemals einer unerlaubten Neigung nachgeben.
Quelle: Du und Sie – P. Hardy Schilgen S. J., 1935