Jungfräulichkeit Teil 3 von 3

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5. + 6. Beruf zur Jungfräulichkeit

5. Der Jungfräulichkeits-Beruf bedeutet daher keinen Verlust für das Volkswohl, wie man mitunter behauptet, wenn man körperlich und seelisch tüchtige Menschen den Priesterstand oder Ordensberuf wählen sieht. Eine solche Ansicht ist, milde gesprochen, überaus kurzsichtig. Nicht nur weil man den sozialen Segen der Jungfräulichkeit übersieht und ihre übernatürliche Wirksamkeit gewaltig unterschätzt, sondern vor allem weil man damit Gottes Vorsehung anklagt. Denn der Jungfräulichkeitsberuf kommt von Gott, nicht vom Menschen. Nein nicht von Fleisch und Blut. Jeder gesunde junge Mann und jedes gesund empfindende Mädchen trägt von Natur die stille Sehnsucht nach der Ehe im Busen, und es ist ein Opfer und wahrlich kein geringes, frisch und freudig einem Berufe sich weihen, der beständiges Entsagen heißt. Solche Edelgesinnung wächst nicht in der erdhaften Menschenbrust. „Nicht alle fassen dies, sondern nur die, denen das Verständnis dafür gegeben ist“ sagt darum der Heiland,1 nur jene, an deren Herz die Berufsgnade pocht. Und sie bilden immer verhältnismäßig eine geringe Anzahl, die Jünglinge und Jungfrauen, welche die Stimme des Seelenbräutigams hören und ihr folgen. Die große Mehrzahl ruft der Herr zur Ehe. O wenn doch christliche Eltern es als eine Auszeichnung betrachteten, wie es in Wahrheit ist, ein Kind ganz Gott und seiner Kirche schenken zu dürfen! Wenn sie doch den keimenden Jungfräulichkeits-Beruf im Herzen des Kindes nicht erstickten, sondern sorgsam schützten und pflegten! Wenn sie doch von der Überzeugung durchdrungen wären, dass sie damit keinen Verlust erleiden, sondern Gottes Vorsehung sozusagen verpflichten, sie und ihre Familie in besonders gnädige Obhut zu nehmen!

6. Im Glauben an diese göttliche Vorsehung läge großer Trost auch für so manche Menschen, die aus persönlichen oder äußeren Gründen nicht heiraten können oder sollen: etwa wegen der ungesunden wirtschaftlichen oder sozialen Verhältnisse; oder wegen krankhafter körperlicher oder psychischer Eigenschaften, die eine gesunde Nachkommenschaft und wahres Familienglück nicht erwarten lassen. Wahrlich in Bezug auf diesen letzteren Grund müsste das Volksgewissen mehr geschärft werden! Es kann vor dem heiligen himmlischen Vater nicht recht sein, wenn Menschen eine Ehe eingehen, die zum Aufbau des irdischen Hauses und Organes der von Gott zu erschaffenden Seele nur schlechtes Material liefern und daher dem Kinde bloß ein unseliges Erbe hinterlassen können. Welchen Trost brächte diesen, natürlich gesprochen, unglücklichen Menschen der christliche Glaube, wenn sie Gottes liebreiche Vorsehung vor Augen in diesen „Ehehindernissen“ einen Wink von oben sähen, innerlich sich umzustellen auf die Gesinnung des jungfräulichen Standes, auf das Apostolat und die Caritas. Was könnten solche körperlich und psychisch verkümmerte Menschen für das Reich Gottes leisten an Gebet und Opfern und an stiller Arbeit, wenn sie das apostolische und karitative Ideal einmal mit Gottes Gnade recht erfasst hätten! Wie manches Menschenkind hat jahrzehntelang vom Krankenbett aus weitum wahrhaft seelsorglichen Einfluss ausgeübt! Wie manche Seele mit verkümmertem Körper ist eine große Helferin der Heidenmissionen geworden! Wie manches schwächliche Mädchen ist durch Kranken- und Kinderpflege ein Engel geworden für Familien und ganze Gemeinden!

7. Mahnung an die Jungfräulichen

7. Zum Schluss noch ein Wort an die jungfräulichen Menschen. Eine Bitte: „Die Gnadengabe Gottes, die in euch ist …, lebendig zu erhalten. “2 Gar manche Seele, welche die „Gnadengabe“ des Berufes von Gott erhalten, hat mit der besten Gesinnung den Jungfräulichkeitsstand erfasst, aber später die erste große Liebe vergessen und angefangen, statt „für den Herrn und seine Sache“ für das eigene Ich mit ganzer Seele zu sorgen. So entstand eine Jungfräulichkeitskarikatur, ein Mensch voll Hochmut, Eigensinn und Eigennutz, in der Kleinwelt des eigenen Ich lebend und die ganze Umwelt nach der Stellung zu jener messend und wertend. O wie hässlich ist solch ein selbstsüchtiger jungfräulicher Mensch! Und die Gefahr dieser inneren Verkrüppelung ist da. Und sie ist größer als bei Eheleuten, die durch das Leben in der Ehe- und Familiengemeinschaft und die nicht zu umgehenden fortwährenden Sorgen für andere, vor dem Egoismus mehr geschützt sind. Darum ist die Mahnung, die der Apostel an den Bischof Timotheus richtet, für jede jungfräuliche Seele wichtig: Halte sie lebendig die gnadenvolle Gesinnung der vollen Hingabe an Gott und seine Kirche! Erneuere es immer wieder dein Gelöbnis, schüre fortwährend das heilige Feuer durch Liebe zum Brot der Engel und zum Wein, der jungfräuliche Gesinnung erzeugt, durch selbstloses Geben und Lieben.

Vor allem aber werde und bleibe von ganzem Herzen demütig! Erhebe dich ja nicht über Eheleute, in der Meinung, weil du den vollkommeneren Stand hast, darum sei auch deine Person wertvoller vor Gott. Der heilige Augustin sagt: Die jungfräuliche Keuschheit ist allerdings besser als die Ehe; aber darum bin ich nicht besser als Abraham; denn was ich jetzt tue, jungfräulich leben, das hätte jener besser getan, wenn es Gott damals gewollt hätte.3 Auf die Gesinnung des Herzens kommt es an. Wenn Verheiratete größere Hochschätzung der Jungfräulichkeit haben als du, wenn sie mehr Gottesliebe im Herzen tragen, so überragen sie dich an Wert vor Gott. Gewiss ist die jungfräuliche Gottesliebe Gold und die eheliche Silber. Aber wenn du wenig Gold hast, bist du ärmer als Eheleute, die viel Silber besitzen. Wenn deine Hingabe an Gott gering ist, dann sind dir unzählige Eheleute überlegen. Die Hingabe an Gott nimmt aber in dem Maße ab, als die Hingabe an dich selbst zunimmt; sie nimmt in dem Grade zu, als die Demut zunimmt.

1 Matth. 19, 11.

2 2 Tim. 1,6.

3 Beim heiligen Thomas, Summa 2. 2 q. 152 a. 4 ad 2.

Quelle: Michael Gatterer S. J. – Aus des Verfassers Schrift: „Im Glaubenslicht“ –
Chri
stliche Gedanken über das Geschlechtsleben – 19314.

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