Von der Erziehung zur Keuschheit – Teil 2 von 4 – Schwierigkeiten

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Wenden wir das Gesagte auf die Erziehung zur Keuschheit an und wir werden sehen,
wie hier besondere Schwierigkeiten des Erziehers warten. Er darf vor allem bei ihr keinen Augenblickserfolg anstreben. Hier heißt das hohe Ziel, der heranwachsenden Jugend behilflich zu sein, dass sie nicht nur in den Entwicklungsjahren, sondern auch später noch
keusch lebt. Niemals darf er sich damit zufrieden geben, dass sie jetzt noch rein ist,
er muss immer fragen: Was muss ich tun, damit sie rein bleibt?

Bei fast allen anderen Erziehungsaufgaben kann man ferner die Jugend beaufsichtigen
und die Wirkungen seiner Bemühungen überwachen. Fehler lassen sich feststellen und bestrafen, ihre Wiederholung kann man durch geeignete Maßnahmen zu verhindern suchen.
Bei der Keuschheit ist das alles fast ganz unmöglich. Die Jugend muss den Kampf
um diese Tugend allein führen.
Für gewöhnlich ahnt sogar der Erzieher nicht das Geringste von den Schwierigkeiten und Gefahren, in denen der Jugendliche augenblicklich steckt, und ist daher außerstande, ihm die Hilfe zu bieten, derer er jetzt gerade bedarf. Verfehlungen entziehen sich meistens seiner Kenntnis. Nur selten werden sie ihm durch einen Zufall bekannt.
So kann er auch hier nicht entsprechend eingreifen.

Daher ist die innere Festigung der Jugend gegenüber den drohenden Gefahren bei
der Keuschheit von besonderer Wichtigkeit. Ihr Wille muss für die Keuschheit
gewonnen werden
. Aber auch hier stoßen wir wieder auf neue, besondere Schwierigkeiten. Während man bei allen anderen Tugenden dem Kinde genau darlegen kann, worum es sich handelt, vor welchen Fehltritten es sich in Acht nehmen muss, darf dies hier nicht geschehen. Allmählich, dem Alter, den Umständen und Gefahren entsprechend, kann man dies der heranwachsenden Jugend mitteilen. Hierfür den richtigen Zeitpunkt abpassen,
ist wiederum gar nicht leicht. Zudem ist diese Belehrung äußerst heikel und schwierig.
Es darf nicht zu viel und nicht zu wenig gesagt werden.

Zu gleicher Zeit suchen, ohne dass der Erzieher es merkt, zahllose Einflüsse die heranwachsende Jugend für die Sinnenlust zu gewinnen. Im Innern lockt die Leidenschaft und weiß mit
einer wahren Zauberkunst ihre Genüsse dem jugendlichen Geiste vorzuspielen. Reden über sexuelle Dinge, die heute mit einer unglaublichen Offenheit und Gemeinheit geführt werden,
die leichtfertige Kleidung, das schamlose Benehmen sittenloser Menschen, die auf die Reizung
der Sinne berechneten Illustrationen und Darbietungen im Kino, unsittliche Bücher und Ähnliches suchen ihm die Ansicht einzuflößen, als ob der Sinnengenuss das Erstrebenswerteste auf Erden sei. Auf Schritt und Tritt tönt vielfach der Jugend der Sirenengesang der Sinnenlust entgegen, umschmeichelt und umlockt sie und sucht sie mit ihren Reizen zu umstricken.

Und endlich besteht gerade bei der Keuschheit die Riesengefahr, dass die Jugend nicht nur in Einzelfällen der Versuchung unterliegt – so bedenklich dies schon ist – es droht viel Schlimmeres, dass nämlich zunächst ihre ganze Gedankenwelt von niedrigen, zur Sünde reizenden Vorstellungen erfüllt wird, dass die gesamte Kenntnis vom Geschlechtsleben von dieser gemeinen Auffassung durchtränkt ist, so dass sie dann immer wieder den Versuchungen unterliegt, ein wahres Lasterleben beginnt und schließlich zu einer völlig falschen Willensrichtung und Grundeinstellung gegenüber Gottes Gebot gelangt.

Das ist die furchtbare Gefahr, die der Jugend droht, und der, wie die Erfahrung lehrt, zahllose unterliegen. Wir müssen sie in ihrem tiefsten Wesen, in ihrer
ganzen Größe und Bedeutung zu erfassen suchen, damit wir dann überlegen,
wie wir ihr in entsprechender Weise begegnen können.

Quelle: „Um die Reinheit der Jugend – 1927 – Schilgen Hardy S. J.- S. 26-28

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