Kritisieren – Von den gütigen Gedaken

image_print

Eine Art gütiger Gedanken soll noch eigens besprochen werden, gütige Deutungen. Über den Nächsten kein Urteil fällen, ist eine Übung, die man schwer und meistens erst spät im geistlichen Leben erlernt. Wer je sich der Kritik hingegeben hat, der macht, fast unbewusst, zu jeder Handlung, die in seinen Gesichtskreis kommt, seinen Kommentar. Kritik wird so zur zweiten Natur, dass die Handlungen des Nächsten, so fernab sie von unserem Pflichten- und Verantwortungskreis liegen, sich unserem Geiste darstellen, als heischten sie ein Urteil von uns. Die Nebenmenschen, die wir irgendwie kennen – selbst wer ganz zurückgezogen lebt, hat einen beträchtlichen Kreis solcher – sind Angeklagte vor unserem Richterstuhl; und wir sind – vielleicht ungerechte, schlecht informierte, launische, jedenfalls aber – unermüdliche Richter. Auf unsere Seele wirkt diese Kritisiersucht schlechthin zerstörend. Koste es, was es wolle, selbst das Leben, damit muss es aus sein oder wir werden auf ewig von Gott verstoßen. Das Richtmaß des Jüngsten Gerichtes ist eines für alle, es ist das Maß, mit dem wir ausgemessen haben. Unsere augenblickliche Neigung zur Kritik offenbart uns, was unser Urteil sein würde, wenn es heute mit uns zum Sterben käme. Wollen wir es darauf ankommen lassen? Nun können wir aber nicht über Nacht das Urteilen ganz aufgeben, wir können aber auch nicht weiter lieblos urteilen, wir müssen durch das Zwischenstadium der gütigen, günstigen Deutungen gehen. Zu wenige sind noch weiter bis zur vollkommenen Güte vorgedrungen, die sie ihrer Richtertoga entkleidet, von ihrer tief eingewurzelten Richtermentalität befreit hat. Drum auf zur eifrigen Pflege gütiger Deutungen!

Des Menschen Taten sind so schwer zu beurteilen. Eine richtige Schätzung hängt großenteils von den Motiven ab und diese Motive können wir nicht wahrnehmen. So oft spricht der Schein gegen Handlungen, die wir späterhin als wahre Tugendakte erkennen. Noch dazu ist das Verhalten eines Menschen dem äußeren Anschein nach so wenig folgerichtig. Alle möglichen Inkonsequenzen durchkreuzen es: Die Konsequenz, die doch verborgen zugrunde liegt, macht die Sache nur verwickelter. Es kann niemand Menschen beurteilen, nur Gott, und das höchste und ehrfürchtigste Bild von Gott, das wir uns machen können, zeigt ihn uns, wie er mit vollkommenem Wissen, absoluter Sicherheit und ruhigem Erbarmen die Menschen richtet. Nun sind gütige Deutungen eine Nachahmung des Erbarmens unseres Schöpfers, der erfinderisch Entschuldigungen für seine Geschöpfe erschaut. Der Tag ist uns fast ein Tag der Offenbarung, an dem die Theologie uns erkennen lässt, dass Gott so voller Erbarmen ist, weil er allweise. Wenn wir von dieser Wahrheit ausgehen, wie leicht erkennen wir da, dass Güte unsere größte Weisheit, weil sie ein Bild der Weisheit Gottes ist. Dies ist die Idee der gütigen Deutungen und dies der Gebrauch, den wir von ihnen machen sollen. Die Gewohnheit zu urteilen ist fast unheilbar und ihre Heilung jedenfalls ein schier endloser Prozess; so müssen wir uns für lange Zeit darauf verlegen, sie in Schranken zu halten, und diese Schranken sind die gütigen Deutungen. Wir müssen lernen, unser Falkenauge für das Böse recht gering einzuschätzen, wir, die wir uns so viel auf diesen vermeintlichen Erweis unserer Geistesschärfe zugute getan. Es war für uns eine Quelle von beißendem Spott; und wie viel Äußerungen des Spottes hat es seit der Erschaffung Adams gegeben, die nicht Sünde waren? Unser Talent, Charaktere zu analysieren, ist es etwas anderes als eine schreckhafte Fähigkeit, schwer gegen die Liebe zu fehlen. Uns wäre besser, wir hätten es nie besessen. Dieses Talent ist am schwersten zu verwalten, weil es so schwer ist, etwas für die Ehre Gottes daraus zu ziehen. Wir werden Zweifellos geistreiche Dinge sagen, solang wir uns mit Charakteranalyse abgeben; und geistreiche Worte sind scharf und beißend. Die Gabe scharfen Gesichtes ist eine Segnung, aber es gibt Orte und Zeiten, wo es weit segensreicher ist, nicht zu sehen. Es wäre für uns verhältnismäßig leicht, heilig zu sein, wenn wir es nur zustande brächten, die Charaktere unserer Mitmenschen in sanftem Schatten oder im freundlich mildernden Schein des Mondlichtes zu sehen. Wir sollen nicht blind werden für Böses; wir würden bald in einer Scheinwelt leben; aber wir müssen zu etwas Höherem, Wahrerem kommen als dazu, Böses schnell zu entdecken.

Wir müssen zu etwas Wahrerem kommen. Ja! Haben wir in unserer Erfahrung nicht immer gefunden, dass im Ganzen unsere guten Auslegungen richtiger waren als die üblen? Wie sehr haben wir uns beim Urteilen geirrt! Und haben wir es nicht eben durch Verurteilen getan? Tag für Tag kommt so etwas vor. Wir haben etwas gesehen – klar wie die Sonne. Es war durchaus eindeutig. Wir haben unsere Maßregeln schon getroffen. Wir sind voller gerechter Entrüstung. Plötzlich klärt sich die ganze Sache auf und noch dazu ganz einfach, so einfach, dass wir uns gar nicht von dem Schlag erholen können, dass wir nicht selbst darauf gekommen sind. „Misstrauen Sie immer sehr klaren Fällen,“ sagt ein Jurist. Dinge, die dunkel waren, beginnen hell zu werden. Was undurchsichtig schien, wird durchscheinend. Dinge, über die jeder eine abweichende Meinung hatte – sowie man nie übereinkommt, wie man einen Baum einsetzen soll, damit er senkrecht stehe – die sieht nun jeder gleich, so natürlich und selbstverständlich war die Erklärung. Dinge, die ganz unerklärlich schienen, die sind nun kinderleicht zu erklären. Wie oft haben wir uns denn geirrt, wenn wir das Benehmen anderer günstig erklärten? Wir brauchen nicht unsere zehn Finger, um diese Fehlschlüsse daran aufzuzählen. Überdies ist die Gnade doch viel weiter verbreitet, als unsere Jammerseligkeit es gerne zugesteht. In den übelsten Individuen dürfen wir ihre Tätigkeit vermuten.

So dürfen wir, ohne etwas an den Haaren herbeizuziehen, übernatürliche Erwägungen zu Hilfe nehmen, um unsere Urteile liebenswürdiger zu machen. Wenn wir etwas heiliger geworden sind, wollen wir diese übernatürlichen Motive zu Hilfe rufen, um unsere eigene Selbsteinschätzung herabzuschrauben und dafür unsere Achtung vor den anderen zu erhöhen.

Der gesunde Menschenverstand überzeugt uns von der Richtigkeit gütiger Deutungen, gesunder Eigennutz sollte uns die Augen für deren weise Nützlichkeit öffnen. Auch ohne viel Aufmerksamkeit müssen wir im Leben bemerkt haben, dass ein Mensch meistenteils das ist wofür er die anderen hält. Seine eigenen Fehler sind natürlicherweise die Ursache seiner ungünstigen Urteile über andere; aber diese nämlichen Fehler sind in nicht geringem Maße die Folgen dieser nämlichen Urteile. Ein Mann, der früher auf einer höheren Stufe gestanden, wird durch hartes Urteilen gar bald auf das Niveau seiner eigenen Urteile herabsinken. Wenn du hörst, wie einer einem anderen Gemeinheit zuspricht, so kannst du sicher sein, nicht nur, dass der Kritiker etwas Bösartiges, sondern dass er denselben Zug von Gemeinheit in sich hat oder dass ein solcher sich in ihm entwickelt. Es ist einer immer der Sünde fähig, der er einen andern für fähig hält oder die er einem andern zuzuschreiben sich getraut. Selbst ein wohlbegründeter Verdacht erniedrigt den Menschen mehr oder minder. Sein Verdacht mag sich bestätigen und er mag durch seinen Argwohn irgend einer materiellen Einbuße entgehen. Aber er ist durch diesen Verdacht rettungslos ein schlechterer Mensch geworden als vordem. Es ist dies eine ernste Erwägung und ein fast erschreckendes Motiv zugunsten liebevoller Urteile. Übrigens suchen uns unsere stillen Urteile über andere heim, gleichsam als ob Gott auf eine besondere, außergewöhnliche Art eingriffe. Die Tugend nimmt in uns zu unter dem Einfluss gütiger Urteile, als ob sie aus ihnen ihre Nahrung zöge. Bei harten Urteilen entdecken wir so oft, dass wir in die Sünde fallen, deren wir einen anderen schuldig gesprochen, obwohl es vielleicht eine Sünde ist, die uns sonst fremd war. Oder wenn auch die Dinge nicht so weit kommen, wir fühlen uns plötzlich von einem Sturm ungewohnter Versuchungen geschüttelt; wir denken nach und das Gewissen erinnert uns daran, dass wir die Sünde, zu der wir so heftig und so unerwartet versucht werden, kürzlich lieblos anderen unterschoben haben. Es kommt vor, dass wir selbst eines Fehlers, an dem wir ganz unschuldig sind, fälschlich beschuldigt werden und dass man uns vielfach für schuldig hält; gerade dieses Fehlers haben wir, innerlich wenigstens, kürzlich einen anderen beschuldigt. Richtigkeit oder Falschheit unserer bösen Urteile scheint mit der Sache wenig zu tun zu haben. Die Richtigkeit schützt uns nicht vor unliebsamen Folgen; so wenig als die Wahrheit einer Schmähschrift sie entschuldigt. Die Lieblosigkeit des Urteils, ja schon das Urteilen an und für sich zieht diese Strafe herab. Es geht ganz gesetzmäßig vor sich, ruhig, unfehlbar. Ist all dies nicht Stoff zu ernstem Nachdenken?

Nun zum Schlusse, was bedeutet diese ganze Theorie der gütigen Auslegungen? Für die meisten von uns nichts weniger als ein neues Leben in einer neuen Welt. Wir können uns ein Leben auf einem andern Planeten vorstellen, mit dessen physischen Gesetzen wir vielleicht hinlänglich bekannt sind. Es könnte aber von unserem irdischen Leben in physischer Beziehung kaum mehr abstehen, als unser sittliches Leben von unserem jetzigen sich unterscheiden würde, wenn wir gewohnheitsmäßig alles, was wir sähen und hörten, gut auslegten, gewohnheitsmäßig gütige Gedanken über jedermann hätten. Es würde unserem Leben nicht nur ein anderes Aussehen, es würde ihm neue Tiefen geben. Wir würden so weit wie möglich neue Wesen werden. Welche Unsumme von Bitterkeit tragen wir doch mit uns herum! Was soll damit werden? In den Himmel können wir sie nun einmal nicht mitnehmen. Wo soll man sie zurücklassen? Durch das Sterben allein werden wir sie nicht los, wie man ein rheumatisches Glied oder kranke Lungen oder verdorbenes Blut los wird. Es wird sicher ein langer, schmerzhafter Prozess in der Glut des Fegfeuers sein; und wir dürfen noch von Glück sagen, wenn das Erbarmen so überfließend sein sollte, dass das Gewicht unserer Bitterkeit uns nicht in noch tiefere Feuer hinabzieht, in eine Tiefe, aus der keiner mehr emportaucht. In was für einem Zustand werden wir sein, wenn wir in den Himmel kommen? Ein hauptsächlicher Zug an uns wird das vollständige Fehlen von Bitterkeit und Kritisiersucht sein und das Erfülltsein mit gütigen, liebevollen Gedanken. Wenn wir gütige Gedanken hegen, so üben wir uns besonders für den Himmel ein. Ja noch mehr: wir verdienen uns den Himmel. Denn wir ahmen mit der Gnade in uns selbst die Züge des göttlichen Wesens nach, auf denen all unsere Hoffnung ruht – barmherzige Nachsicht, erfinderisch günstige Deutungen, Gedanken reinster Güte und all die Eingebungen und Nachgiebigkeiten eines unbegrenzten Mitgefühls.

Die Übung im gütigen Denken wirkt auch entscheidend auf unser geistliches Leben ein. Es führt zu großer Selbstbescheidung in Sachen unseres Talentes und Einflusses. Kritisieren schafft uns Namen und Einfluss. Wir können uns als grundsatztreu erweisen. Die Übung, gütige Gedanken zu haben, lässt uns auf all das verzichten. Sie lässt uns, wieder und immer wieder, auf Erfolge verzichten, die schon zu greifen waren. Unser Verhalten ist ein ständiger freiwilliger Verzicht auf kleine Triumphe und das hat ein sehr verborgenes Leben zur Folge. Wer je ein stolzes Herz und eine bittere Gemütsart in Schach zu halten hatte, der sieht sogleich, welche Summe innerer Kämpfe all dies in sich schließt. Aber es erhält seinen Lohn. Es gibt uns eine wunderbare Leichtigkeit in geistlichen Dingen. Es öffnet und ebnet den Pfad des Gebetes. Es wirft ein klares stilles Licht über unsere Selbstkenntnis. Es gibt der Übung des Glaubens einen besonderen Genuss. Es ermöglicht uns, leicht zu Gott zu gelangen. Es ist eine Freudenquelle in unserer Seele, die selten zu fließen aufhört, selten und nur für kurze Zeit, und das nur zu unserem Besten. Und vor allem ist die Übung gütiger Gedanken unsere Haupthilfe für eine vollständige Beherrschung der Zunge, an der uns allen so viel liegt, und ohne die alle Religiosität eitel ist, wie der Apostel sagt. Die innere Schönheit einer Seele, die immer gütig in Gedanken ist, lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Für einen solchen Menschen ist das Leben ein immerwährender lichter Abend, friedlich, voll Duft und Labung. Der Dunst des Lebens senkt sich, die Lebensunrast wird still. Abendlich mildern sich alle Farben; die Ausblicke werden schöner, und im goldenen Licht wird unsere Erdenfreude eine selig nachdenkliche Vorbereitung für den Himmel.

Quelle: „Von der Güte“ – F. W. Faber – 1952

Verpassen Sie keine neuen Beiträge: