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Jungfräulichkeit Teil 1 von 3

1. Wert der Jungfräulichkeit.

Ein Stand der Keuschheit ist die Ehe, weil christliche Eheleute sich von allem unerlaubten Geschlechtsgenuss enthalten. Höher steht die Keuschheit der Verwitweten, wenn sie nach dem Tode des Gatten freiwillig auf erlaubte Befriedigung (in einer zweiten Ehe) verzichten. Den höchsten Rang hat die Keuschheit des jungfräulichen Christen, weil er lebenslänglich auf den Geschlechtsgenuss gänzlich verzichtet; es ist der volle Sieg des Geistes über das Fleisch, der Gnade über die gefallene Natur.

1. Die Jungfräulichkeit hat darum einen überaus hohen Wert. Allerdings hat man vor der Ankunft des Erlösers diesen Hochwert kaum geahnt. Erst Christus hat ihn der Welt klar enthüllt durch Tat und Wort. Aus einer Jungfrau wollte er geboren werden, einen jungfräulichen Mann zu seinem Vater haben, und den jungfräulichen Johannes zu seinem Lieblingsjünger. Er und seine Apostel priesen die Jungfräulichkeit als hohes Ideal, das nur jene erfassen können, „denen es von oben gegeben ist“;1 als einen Stand, der an Vollkommenheit den Ehestand überragt; als einen Beruf, für den kein Gebot, sondern nur ein Rat besteht: „Was die Jungfrauen betrifft, so habe ich vom Herrn kein Gebot, aber einen Rat will ich geben … Wer seine Jungfrau verheiratet, tut gut; wer sie nicht verheiratet, tut besser“.2

„Die Ehe ist gut, die Jungfräulichkeit ist besser“, das ist katholische Lehre, weil Lehre der Apostel und des Herrn. An ihr muss man unentwegt festhalten, auch in unserer Zeit, wo für die jungfräuliche Keuschheit des Mannes und des Weibes vielfach das Verständnis verloren gegangen, wo insbesonders ein Frauenleben ohne Mutterschaft für verfehlt erklärt wird. Die Glaubenslehren wechseln nicht mit dem Zeitgeist. Sie sind wie ihr Urheber gestern und heute die gleichen: „die Ehe ist gut, die Jungfräulichkeit ist besser“. „Wenn daher jemand behauptet, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger in Jungfräulichkeit zu bleiben als zu heiraten, der sündigt gegen den Glauben.“3

 

2. Was ist wahre Jungfräulichkeit?

2. Aber die wahre Jungfräulichkeit muss es sein, die vom Herrn geratene Tugend. Sie muss nämlich erstens nicht nur zeitweilig, sondern lebenslänglich gehalten werden. Die zeitweilige Jungfräulichkeit, etwa junger Menschen bis zur Ehe, ist schön und gut, aber sie ist nicht nur geraten, sondern geboten. Wo der Herr aber keinen Befehl, sondern nur einen Rat gibt, einen Wunsch ausspricht: „Wer es fassen kann, der fasse es“, da meint er die immerwährende Jungfräulichkeit, die Jungfräulichkeit als Lebensberuf.4 – Zweitens muss sie freigewählt sein. Gezwungene Jungfräulichkeit wird vom Herrn nicht als Ideal empfohlen. Wer den überlegten Wunsch und Willen zur Ehe hat und behält, aber aus irgendeinem Grund zeitlebens nicht heiratet, der mag die Tugend der Keuschheit haben, die vom Christentum gepriesene Jungfräulichkeit besitzt er nicht. – Drittens muss man sich „um des Himmelreiches willen“5 zur Jungfräulichkeit entschließen.

Wer auf die Ehe verzichtet aus irdischen oder eitlen Beweggründen, etwa um vom „Joch der Ehe“ frei zu bleiben oder um körperliche Frische und Schönheit länger zu bewahren, oder aus einer gewissen natürlichen Abneigung oder unbestimmten Scheu, der hat nicht die Tugend der Jungfräulichkeit. „Dem Herrn zu gefallen und für seine Sache zu sorgen“, das ist nach dem heiligen Paulus Aufgabe jungfräulicher Menschen.6 Die Sache des Herrn aber ist „das Himmelreich“ oder die Kirche Christi. Für die Kirche zu arbeiten, d. h. ihren Kindern, den Gliedern Christi zu helfen, Seelen zu retten und zu heiligen, das muss das Ziel jungfräulicher Menschen sein. Darum sagt der heilige Augustin: „Nicht das preisen wir an den Jungfrauen, dass sie Jungfrauen sind, sondern dass sie durch die Enthaltsamkeit gottgeweihte Jungfrauen sind“.7 Im Gottgeweihtsein, in der Hingabe seines Ich an Gott, an die Interessen Christi liegt der eigentliche Hochwert der Jungfräulichkeit. Diese Forderung wird auch von Katholiken nicht immer beachtet.

Auch sie denken oft, wenn von Jungfräulichkeit die Rede ist, nur ans Körperliche, an die tatsächliche Enthaltung von allem Geschlechtsgenuss, und vergessen die Hauptsache, die seelische Jungfräulichkeit. Wie aber im Mensen nicht der Körper das Vornehmste ist, sondern die Seele, so ist auch bei der Jungfräulichkeit nicht die leibliche Unversehrtheit die Hauptsache, sondern die seelische Haltung: die liebevolle gänzliche Hingabe an Gott und Christus. Wegen dieser innigen Seelenvereinigung mit dem Heiland sagt der heilige Augustin:8 Auch die jungfräulichen Menschen leben eigentlich in einer Ehe, freilich nicht in einer fleischlichen, sondern in einer geistlichen. Die Seele des jungfräulichen Menschen ist gleichsam Christo vermählt, dem „Bräutigam jungfräulicher Seelen“. – Daher verlangt der heilige Thomas9 zum Begriff der vollen Jungfräulichkeit noch ein Viertes: die Bindung durch ein lebenslängliches Gelübde. Denn wie die leibliche Ehe des Christen unauflöslich ist und diese Unauflöslichkeit gewinnt durch das sakramentale Versprechen ewiger Treue, so muss auch die geistliche Ehe unwiderruflich fest sein und diese Festigkeit erhalten durch das freie Gelöbnis ewiger Jungfräulichkeit.

Quelle: Michael Gatterer S. J. – Aus des Verfassers Schrift: „Im Glaubenslicht“ –
Chri
stliche Gedanken über das Geschlechtsleben – 1931

1 Matth. 19, 11 f.

2 1 Kor. 7, 25. 38.

3 Konzil von Trient XXIV. can. 10.

4 Matth. 19, 12

5 Matth. 19, 12

6 1 Kor. 7, 32ff.

7 Beim heiligen Thomas 2. 2 q. 152 a. 3.

8 Röm. Brevier 2. Sonntag nach Epiphanie 8. Lesung.

9 Summa 2. 2 q. 152 a. 3 ad 4.


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